https://www.faz.net/-gq5-792lt

Anschläge in der Türkei : Assads fünfte Kolonne

Verwüstet: Reyhanli am Tag nach den Anschlägen Bild: dpa

In der türkischen Provinz Hatay hat Syriens Diktator Assad viele Sympathisanten. Das hat mit der Angst der Alawiten vor den Sunniten zu tun - und mit ihrer Kritik am türkischen Staat.

          5 Min.

          Fast alle Türken kennen „Propaganda“. Der 1999 entstandene Film des Regisseurs Sinan Cetin mit dem bald nach Ende der Dreharbeiten verstorbenen türkischen Komiker Kemal Sunal in der Hauptrolle war in der Türkei ein großer Erfolg. „Propaganda“ erzählt die Geschichte eines Dorfes in der türkischen Provinz Hatay unmittelbar an der Grenze zu Syrien. Das Leben in dem Provinznest fließt gemächlich dahin, bis ein Grenzschützer von seinen Vorgesetzten den Regierungsauftrag erhält, die direkt durch das Dorf verlaufende Grenze mit Stacheldraht abzuriegeln. Der Beamte kommt dem Befehl ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung nach, und fortan ist nichts mehr, wie es war: Der einzige Arzt ist in einem Teil des Dorfes und kann die Kranken im anderen nicht mehr behandeln, der Bäcker kann nur noch eine Hälfte der Bevölkerung mit Brot versorgen, die Lehrerin nicht mehr in ihrer Schule unterrichten, da sie auf der anderen Seite des Stacheldrahts lebt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Was in „Propaganda“ als politische Komödie erzählt wird, ist von der Wirklichkeit der Region nicht weit entfernt. Als der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan von einiger Zeit sinngemäß sagte, nichts, was auf der einen Seite der türkisch-syrischen Grenze geschehe, bleibe ohne Widerhall auf der anderen, traf er damit die Lage in der türkischen Grenzprovinz Hatay - zu der auch der nun von einem schweren Bombenanschlag getroffene Ort Reyhanli gehört - ziemlich genau. An vielen Abschnitten der Grenze gab es bis in die frühen sechziger Jahre keine Absperrungen, es existierte sogar eine regelmäßige Zugverbindung nach Syrien. Erst nach 1960 wurden dann Grenzanlagen errichtet, außerdem legten beide Staaten Minenfelder an.

          In Hatay sehen Assad viele mit Sympathie

          Bis 1938 war Hatay Teil des nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen französischen Mandatsgebietes in Syrien. Erst als Folge eines Referendums 1938 wurde daraus kurzzeitig ein formal unabhängiger Kleinstaat. Das Parlament dieses Staates mit einer relativen türkischen Bevölkerungsmehrheit proklamierte aber schon im Jahr darauf den Anschluss an die Türkei. So entstand die Provinz mit dem höchsten arabischen Bevölkerungsanteil der Türkei, in der außer sunnitischen Türken auch arabische Christen, Kurden, Turkmenen, einige Armenier und andere Minderheiten lebten. „Das lokale Mosaik religiöser, linguistischer und ethnischer Gemeinden ist in vielerlei Hinsicht ein Mikrokosmos Syriens, zu dem Hatay einst gehörte“, heißt es dazu in einem dieser Tage erschienenen Bericht der „International Crisis Group“ (ICG).

          Französisches Mandat für Syrien und Hatay 1922 Bilderstrecke

          Hatay ist die Heimat der alawitischen Minderheit der Türkei. Vor allem im südlichen Teil der Provinz, in den Grenzgebieten zu Syrien, stellen arabische Alawiten (Nusairier) die Mehrheit der Bevölkerung. Auch Syriens Diktator Assad ist Nusairier. In Hatay sehen ihn viele arabische Alawiten mit Sympathie, die sich nicht zuletzt aus ihrer Angst vor den Sunniten speist, von denen sie sich bedroht und ausgegrenzt fühlen. Von den knapp 1,5 Millionen Einwohnern Hatays sollen etwa 400.000 arabische Alawiten sein. Allerdings sind diese Angaben unzuverlässig, da die ethnische Zugehörigkeit in der Türkei bei Volkszählungen schon seit Jahrzehnten nicht mehr abgefragt wird. Doch wer sich nur wenige Tage in Hatay aufhält, wird im Gespräch mit Einheimischen schnell merken: Assad hat tatsächlich viele Sympathisanten hier.

          Topmeldungen

          Christian Lindner hat bei der Grundrente bewiesen: Die FDP lebt. Hier spricht er bei einer Veranstaltung im Dezember 2017.

          Einigung auf Grundsteuer : Die FDP lebt

          Die FDP hat ihre Vetomacht im Bundesrat klug genutzt. Die neue Grundsteuer ist ungewohnt freiheitlich für Deutschland. Ein großes Manko des Steuer-Monstrums bleibt dennoch.
          Der Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China wird nach Ansicht von Fachleuten auf absehbare Zeit im Zentrum des Interesses an der Wall Street stehen.

          Wall Street : Die Skepsis am China-Abkommen wächst

          Im Handelskonflikt zwischen Amerika und China haben Börsianer wenig Hoffnung auf wirkliche Fortschritte. Der positive Auftakt der Bilanzsaison sorgt zwar für etwas Erleichterung – doch sind noch viele Fragen offen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.