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Wahl im Irak : Der lange Arm der Mullahs

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Der frühere Ministerpräsident hatte mit seiner Iraqiyya-Allianz bei der Parlamentswahl 2010 zwar die meisten Stimmen geholt. Doch ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen Washington und Teheran sicherte Maliki die Wiederwahl. Vier Jahre später konstatiert Allawi nüchtern: „Wir stehen am Rande eines Bürgerkriegs.“ In bürgerlichen Stadtteilen wie Mansur rächt es sich nun, dass der Ministerpräsident während seiner zweiten Amtszeit viele Schutzmauern abbauen und Kontrollposten abräumen ließ, um den Eindruck von Normalität zu erzeugen. Im Hintergrund förderte er Extremistengruppen wie Asaib Ahl al Haq, im Straßenbild aber setzte er auf Entspannung.

Die Mittelstreifen wurden mit Blumen und Bäumen verschönert. Auch der Zugang zu Allawis Villa ist relativ leicht bewacht, kein Vergleich zu den Sicherheitsvorkehrungen, die etwa die deutsche Botschaft ein paar Straßenzüge weiter trifft: „Sie betreten den deutschen Sektor“ steht ironisch auf einer der vielen hohen Mauern. Ein bayerischer Sicherheitsmann, der Besucher zur Botschafterin führt und sich grinsend „Burgwächter“ nennt, hält sein Gewehr ständig im Anschlag.

Angst bei deutschen Hilfsorganisationen

Arndt Fritsche, Leiter der Hilfsorganisation Rebuild and Relief International (RRI), würde nichts lieber tun als in die deutsche Festung umzuziehen. Nach dem erzwungenen Abbau der Straßensperren vor dem Hauptquartier der Organisation sei das Gebäude nun frei zum Beschuss, sagt er. „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir angegriffen werden.“ Mehrere Mitarbeiter hat die Organisation in den vergangenen Jahren bereits bei Anschlägen und Schießereien verloren, wegen der Zunahme der Gewalt habe man wieder gepanzerte Fahrzeuge anschaffen müssen. Da Fritsche das Geld für teure Sicherheitsfirmen fehlt, sind die RRI-Mitarbeiter bewaffnet unterwegs. „Jeder Checkpoint wird so zum Spießrutenlauf“, sagt Fritsche; insbesondere die Kontrollen von Asaib Ahl al Haq seien berüchtigt.

Den Sprecher der Parteimiliz fechten solche Vorwürfe nicht an. „Wir sind die Brücke zwischen den Hoffnungslosen und der Hoffnung“, sagt Wahab al Taie in feinster Wahlkampfrhetorik. Auf Platz drei der Liste ist er gesetzt, und der smart auftretende, 47 Jahre alte Atomingenieur hat noch viel vor. Verteidigungsminister würde er gern werden, sagt er auf einem Sofa in der Lobby eines der großen Bagdader Hotels, wo dieser Tage unzählige Kandidaten ein und aus gehen, um für sich zu werben. Seine Gruppe habe schließlich Erfahrung in Sicherheitsfragen. Den Anschlag von Isis auf das Industriestadion bezeichnet er als „Verzweiflungstat“, die „uns nicht davon abhalten wird, voranzuschreiten“.

Taies Brandrede gegen die politische Klasse unterscheidet sich kaum von der Wortwahl anderer Parteiführer - ganz unabhängig davon, dass er selbst Teil des blutigen Spiels ist, das den Aufstieg ehemaliger Aufständischer in höchste Regierungsämter befördert hat. Die Führung von Asaib Ahl al Haq ist direkt Irans Revolutionsgarden unterstellt. Doch Taie beharrt auf der Eigenständigkeit der Organisation. Berichte über den Einsatz der Schiitenmiliz in Syrien und Anbar würden „von den Medien übertrieben“ dargestellt, sagt er. Ins Stocken gerät der selbstsichere Politiker nur einmal: Gerade als er ansetzt, über das Versagen der irakischen Armee in Anbar zu sprechen, unterbricht er sich. Dass sich Kritik an den Streitkräften für den Verteidigungsminister in spe nicht ziemt, scheint er als baldiger Angehöriger einer Parlamentsfraktion gerade erst zu lernen.

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