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Aleppo : Wirtschaftszentrum und Tor zum Norden

Weltkulturerbe: Aufnahme der Altstadt von Aleppo aus dem Jahr 1993 Bild: © Frederic Soltan/Sygma/Corbis

Die Wirtschaftsmetropole Aleppo im Norden Syriens ist überlebenswichtig für das Assad-Regime. Regierungstruppen und Kämpfer der Freien Syrischen Armee liefern sich am Samstag in den Außenbezirken Aleppos heftige Kämpfe.

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          Die Vereinigten Staaten warnen vor einem „Massaker“ in Aleppo, die regimetreue Presse und die Rebellen verkünden, die „Mutter aller Schlachten“ werde in der Stadt geschlagen. Kaum jemand glaubt derzeit, dass die Rebellen einer groß angelegten Armeeoffensive dauerhaft standhalten können. Für das an Feuerkraft weiter dramatisch überlegene, aber im Guerrillakrieg unerfahrene Assad-Regime dürfte es deutlich brenzliger werden, sollten sich die Rebellen tatsächlich in der Wirtschaftsmetropole festsetzen können. Die Millionenstadt ist das Tor zum Norden des Landes und seit Jahrhunderten ein wichtiger Knotenpunkt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          An diesem Samstag gehen die Regierungstruppen nun massiver vor, um von den Aufständischen eingenommene Stadtteile zurückzugewinnen. Die Kämpfe konzentrierten sich auf den südwestlichen Außenbezirk Salaheddin, berichteten Aktivisten. Mindestens drei Aufständische wurden getötet, teilten die Syrischen Menschenrechtsbeobachter in London mit. Die Aufständischen schlugen nach eigenen Angaben einen Vorstoß der Regierungstruppen zurück. Mindestens fünf Panzer seien zerstört worden, „was die angreifenden Streitkräfte zum Rückzug zwang“, wird der Aufständischen-Kommandeur Abu Omar al-Halebi von der Deutschen Presse-Agentur zitiert.

          Die Regierungstruppen sollen auch Kampfhubschrauber einsetzen. Russland, ein langjähriger Verbündeter der syrischen Regierung, warnte vor einer drohenden Tragödie in Aleppo. Gleichzeitig erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow jedoch, es sei unrealistisch, von den syrischen Streitkräften zu erwarten, dass sie tatenlos zusähen, wie die Rebellen wichtige Städte einnehmen.

          Nach übereinstimmenden Berichten ausländischer Medien in der Region kontrollierten die Rebellen der Freien Syrischen Armee bisher die ländlichen Regionen um die Stadt herum, wo sie in Dörfern Rückzugsräume finden. Sie halten mehrere Übergänge an der rund 50 Kilometer entfernt liegenden Grenze zur Türkei besetzt. Nach unabhängigen Berichten vom Freitag aus der Region ist es für die Kämpfer der Freien Syrischen Armee inzwischen möglich, sich unbehelligt aus dem Grenzgebiet bis in einen größeren Stützpunkt in einer Stadt kurz vor Aleppo zu bewegen.

          Zugleich gelingt es ihnen, mit Angriffen und Anschlägen die Truppenbewegungen des Regimes zu behindern. Schon länger ist von einem Szenario die Rede, nach dem Syrien angesichts des andauernden Bürgerkriegs in mehrere Regionen zerfallen könnte; eine solche Region könnte demnach entlang der Achse der sunnitisch dominierten Städte Hama, Homs und eben Aleppo entstehen.

          Ein Drittel aller Exporte wird in Aleppo produziert

          So ist das Wirtschaftszentrum für das Assad-Regime ebenso wichtig wie Damaskus. In Aleppo leben rund 2,5 Millionen Menschen, die Stadt hat damit mehr Einwohner als die Hauptstadt. Viele reiche Händlerfamilien kommen aus Aleppo, das eine der zentralen Handelsstädte an der von China bis zum Mittelmeer führenden Seidenstraße war - und unter osmanischer Herrschaft nach Kairo und Istanbul die drittgrößte Stadt des Reiches wurde. Hier kreuzten sich die Verkehrswege von der Levante nach Mesopotamien, dem anatolischen Hochland und Arabien, hier wurde 1885 die erste Handelskammer des Nahen Ostens gegründet.

          Aleppo ist ferner ein wichtiger Produktionsstandort. Rund ein Drittel aller syrischen Exporte - jenseits des Erdöls - wird hier produziert. Das im Nordosten gelegene Industriegebiet in Scheich an Nadschar gilt als eines der größten im Land und in der gesamten Region. Petrochemische Industrie ist hier angesiedelt, ebenso Pharmaindustrie, Textilindustrie, Teppiche werden hier hergestellt und Lebensmittel weiterverarbeitet.

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