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Al Dschazira : Wer hat die Märchen aus Ägypten erzählt?

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Al Dschazira-Mitarbeiter in Doha Bild: REUTERS

Fernsehsender können keine Revolutionen auslösen, sagt der Deutschland-Korrespondent von Al Dschazira, Aktham Suliman. Doch politisch mitmischen, wenn fremde Herrscher nackt sind, will der qatarische Medienkonzern schon.

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          Das Ambiente passte zum Thema. Eine beleuchtete Landkarte Kubas an der Decke, Bilder Maos und Fidel Castros an den Wänden. „Die arabische Revolution für Demokratie, Bürgerrechte und Pressefreiheit - Müssen wir unsere Sichtweisen radikal verändern?“ wollten die Veranstalter des Berliner Verdi-Medientreffs wissen und hatten deshalb Aktham Suliman, Leiter des Berliner Büros des qatarischen Senders Al Dschazira, eingeladen. Der umstürzlerisch angehauchte Treffpunkt: „Sloppy Joe's Bar“, ein paar hundert Meter von der Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße entfernt. Noch ein postrevolutionärer Ort.

          Allzu viele Parallelen zwischen den revolutionären Umbrüchen in Europa 1989 und den jetzigen Aufständen in Nordafrika mochte Suliman jedoch nicht ziehen. „Außer, dass eine Masse sagt, es ist genug“, seien die Umwälzungen sehr verschieden. In Prag, Leipzig oder Warschau hätten ausgereifte Konzepte vorgelegen, die den Systemsturz begünstigten. In Tunis, Kairo und Alexandria hingegen herrsche zurzeit einfach „der Wille zum Atmen“ - getragen von einer selbstbewussten, aber „weniger ideologisch belasteten“ Generation, die „ohne große politische Entwürfe“ auskomme; einer dritten Kraft neben Muslimbrüdern und Regierung: „Man schreit nach einem Anfang, weil es so nicht weitergeht.“

          Das Ausmaß des Aufbruchs habe auch Al Dschazira „kalt erwischt“, sagt der 1970 in Damaskus geborene Suliman, der seit 1990 in Deutschland lebt. Obwohl der Sender zwischen Tanger und Teheran, Rabat und Ramallah mit unzähligen Korrespondenten vertreten ist, seien alle überrascht gewesen, wie schnell der Funke von Tunis nach Kairo übergesprungen sei - selbst die ägyptischen Kollegen. Der Vorteil des 1996 gegründeten Nachrichtenkanals gegenüber westlichen Medien: „Wir konnten schneller umschalten, auch deshalb, weil wir nur einen Teil der Märchen selbst geglaubt haben.“ Märchen, Mythen, Illusionen: Über Jahre hinweg habe das Fernsehen seine eigenen „Bild-Welten“ des arabischen Raums geschaffen, bis zu dem Punkt, an dem die Journalisten selbst nicht mehr merkten, wie ihre Berichterstattung „automatisch nur noch in eine Richtung geht“.

          Al Dschazira-Zentrale in Doha

          Beispiel Muslimbrüder: Die Ängste vor deren Machtübernahme seien letztlich „durch mediale Darstellung“ erzeugt, behauptet Suliman, der vor seiner Zeit bei Al Dschazira für die Deutsche Welle arbeitete. So seien über Jahre ein Bild Präsident Husni Mubaraks als Freund des Westens gezeichnet und Ägypten vor allem als Urlaubsland dargestellt worden, ohne Raum für Differenzierungen. In der von „Freund-Feind-Denken“ geprägten westlichen Sichtweise mussten die Muslimbrüder so zwangsläufig als Gefahr erscheinen, unabhängig davon, dass auch sie, einmal in Regierungsverantwortung, vor Protesten nicht gefeit seien. So sei es leicht, den Islamismus als größtes Übel darzustellen, trotz aller Mängel von Mubaraks System: „Wenn Laizismus heißt, dass er am Ende seiner Amtszeit vierzig Milliarden auf dem Konto hat, dann pfeife ich, ehrlich gesagt, auf Laizismus.“ Dass das Milliardenunternehmen Al Dschazira längst selbst politischer Akteur geworden ist und ganz eigene Stereotype produziert, fällt bei dieser Betrachtung freilich unter den Tisch. Zwar räumt Suliman die Abhängigkeit des Senders von seinem Besitzer - dem Emir von Qatar, Hamad Bin Khalifa Al Thani - ein. Die außenpolitischen Implikationen aber, die regimekritische Berichterstattung fernab des Emirats mit sich bringt, lässt er außen vor. „Ich verstehe von Bildern viel mehr als von Politik“, sagt er, so, als ob in Millionen Haushalte übertragene Bilder demonstrierender Massen politisch folgenlos blieben. Auch der Satz, dass „kein Sender Revolution auslösen“ könne, zeichnet Al Dschazira unpolitischer, als es ist. Nicht nur die Berichterstattung zu Tunesien und Ägypten, auch die Publikation der „Palestine Papers“ bedient letztlich regionale Interessen Al Thanis: Die im Januar publik gemachten geheimen Verhandlungsprotokolle zwischen Israelis und Palästinensern rücken die vom Westen gestützte Fatah in ein schlechtes, die - auch von Ägyptens Ancien Régime bekämpfte - islamistische Hamas hingegen in ein gutes Licht.

          Sulimans Zusatz freilich spricht für vitalen, angriffslustigen Auslandsjournalismus, wie er bei BBC und CNN International zu Hause ist: „Wenn der König nackt ist, richtet sich das Augenmerk auf das Kind, das zuschaut“, sagt er zur Philosophie des Senders angesichts der Aufstände in Nordafrika. Dass Al-Dschazira-Reporter dabei schon einmal selbst Prügel einsteckten, nehme man hin, schließlich gleiche die arabische Medienlandschaft „einer schmutzigen Straße, in der mit harten Bandagen gekämpft“ werde. Und da mische Al Dschazira kräftig mit.

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