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Ägypten vor der Präsidentenwahl : Die Zeit der einfachen Botschaften

Der Protest geht weiter: Ägypten vor der Wahl
          8 Min.

          Wenn sein Bruder noch leben würde, würden sie jetzt wahrscheinlich viel diskutieren. Der ältere Bruder habe immer gelächelt und gesagt: „Ich weiß“, wenn er ihm wieder einmal widersprochen habe, sagt Gamal al Banna. Ein besonderer Mann sei das gewesen. Oft nennt er ihn bei seinem vollen Namen - immer dann, wenn es um die historische Figur Hassan al Banna geht, den Gründer der islamistischen Muslimbruderschaft, einer der mächtigsten Organisationen in der arabischen Welt. Dann sagt Gamal al Banna Sätze wie: „Hassan al Banna war ein Mann des Volkes“, oder: „Hassan al Banna war ein Visionär.“

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Der Volksschullehrer Hassan al Banna gründete die Bruderschaft im März 1928. Ende der vierziger Jahre war aus einer Organisation, die als Graswurzelbewegung die Ägypter umerziehen und zur Rückkehr zu dem nach ihrer Lesart ursprünglichen Islam bewegen und so zu Gerechtigkeit und Wohltätigkeit führen wollte, schon eine mächtige politische Kraft geworden. Hassan al Banna wurde 1949 in Kairo erschossen, die Bruderschaft war in einen erbitterten Machtkampf mit der Regierung verwickelt.

          Seither hat der inzwischen 91 Jahre alte Gamal al Banna nichts mehr mit den Muslimbrüdern zu tun. Er ist ein liberaler Islamgelehrter, der seine Religion mit sozialistischen Ideen verbindet, sich nicht um Autoritäten schert, sich für Gewerkschaften oder für Frauenrechte engagiert, ein Mann, für den es in der Meinungsfreiheit keine Tabus gibt.

          Eine straff geführte Kaderorganisation

          Dass nach dem Sturz Mubaraks einer aus der Muslimbruderschaft womöglich der nächste Staatschef werden könnte, erfreut ihn nicht gerade. Die Muslimbrüder sind ihm viel zu engstirnig - sie seien eine straff geführte Kaderorganisation, die sich viel zu stark in den Alltag der Menschen einmische, der es zu sehr um Macht gehe. Würde sein Bruder noch leben, sagt Gamal al Banna, dann wäre er wahrscheinlich etwas liberaler als die derzeitige Führung. Das seien bloß graue Funktionäre. „Mein Bruder war mit einer großen spirituellen Kraft beschenkt, die tief aus seinem Inneren kam“, sagt Gamal al Banna. So einen gebe es nicht mehr.

          Doch ein Mann, der auf viele Jahrzehnte ägyptischer Geschichte zurückblickt, kann nachsichtig sein. „Ich kann verstehen, dass die Bruderschaft nach Jahrzehnten der Repression unter Nasser, Sadat und Mubarak jetzt ihren Platz sichern will“, sagt er. Wenn man nach so langer Zeit aus dem Untergrund ans Tageslicht trete, werde man eben geblendet.

          Gamal al Banna spricht leise, aber klare Worte. Durch das geöffnete Fenster dringt Vogelgezwitscher. Der Lärm der verstopften Kairoer Straßen ist hier nicht zu hören. Jeden Tag versinkt er hinter seinem Schreibtisch in die Lektüre eines der abertausend Bücher, die sich in den wandhohen Regalen drängen, bringt mit langsamer Hand seine Gedanken zu Papier. Es ist ein Idyll der Gelehrsamkeit aus Papierstapeln und Buchrücken.

          Ein verwirrtes, aufgewühltes, polarisiertes Land

          Draußen auf den Straßen des Stadtteils Bab al Sharaeya umkurven altersschwache Autos Männer mit Plastiklatschen und verschleierte Frauen, die sich den Weg über die Straße bahnen. Auf dem Trottoir verbreiten Stapel grauer Müllsäcke in der Mittagshitze süßlichen Gestank. Hier draußen ist keine Ruhe.

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