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Ägypten : Sterben für Leidenschaft und Freiheit

Die Wut der Ultras: Anhänger von Al Ahli demonstrieren in Kairo Mitte Februar gegen den Hohen Militärrat Bild: REUTERS

Die Ultras des Kairoer Fußballvereins Al Ahli verstehen sich auch als Vorkämpfer der Revolution. Deshalb verdächtigen sie die Mächtigen, für das Massaker im Stadion von Port Said verantwortlich zu sein.

          Spät abends im Kairoer Stadtteil Sayyida Zainab: Nach Norden liegt der Tahrir-Platz in Luftlinie nur einen Kilometer entfernt. Das Militär hat aber acht Straßenblockaden aus Betonklötzen um den Platz errichtet. Sie zwingen die Ultras von Al Ahli zu einem weiten Umweg, bis sie endlich in die hell erleuchtete Nasriyah-Straße gelangen, zu den Teehäusern, wo sie sich jeden Abend treffen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          In allen Städten Ägyptens sind die „Ahlawis“ organisiert, die Ultras des Fußballvereins Al Ahli, deren Kleidung und Flaggen die ägyptischen Nationalfarben Rot und Weiß sowie den schwarzen Adler zeigen. Doch in Sayyida Zainab, von wo aus sie während der Revolution auf den Tahrir-Platz gezogen sind, ist ihr harter Kern zu Hause.

          Chaled sitzt mit seinen Freunden vor einem Teehaus und zieht an seiner gluckernden Wasserpfeife. Der Fußball, sinniert er, sei das Wichtigste in seinem Leben. Natürlich meint er den Fußball von Al Ahli. Der 1907 gegründete Fußballklub von Kairo ist der erfolgreichste in der Geschichte Afrikas. Drinnen, in einer Ecke des Teehauses hängt ein Fernseher. Die meisten Augen sind auf den Ansager fixiert. Es geht um die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Ismailiya zu den Hintergründen des Todes von 74 Ahlawis in Port Said am 1. Februar. Nach dem Spiel waren sie regelrecht massakriert worden. „Natürlich war das eine Verschwörung“, raunen die Leute hier. An die Türpfosten des Teehauses haben sie ein großes Bild eines Spiels des SC Freiburg gegen Werder Bremen geklebt. Es zeigt Transparente von der Nordtribüne, auf denen den Ahlawis kondoliert wird. Chaled bekennt: „Eigentlich mögen wir Journalisten nicht.“ Aber nach der großen Welle von Solidarität und Sympathie aus Deutschland sei der Fremde ein gerngesehener Gast.

          Fußball als Medium, um Überzeugungen auszudrücken

          Fußball ist für diese jungen Männer zwischen 20 und 25 nicht nur die schönste Sache der Welt. Fußball ist auch das Medium, um ihre Überzeugungen auszudrücken. „Indem wir uns als Ahlawis organisieren, sagen wir Nein zum Regime“, sagt Essam, der sich in einem Plastikstuhl mit an den kleinen Tisch gesetzt hat, auf dem Gläser mit süßem Tee stehen. Für zwei Werte stehen sie ein: die bedingungslose „Leidenschaft“ für ihren Verein Al Ahli und die „Freiheit als Einzelne in diesem Polizeistaat“.

          Die Ahlawi-Ultras haben sich erst 2007 organisiert. Ihr Verein war jedoch bereits bei der Revolution von 1919 gegen die Briten aktiv. Schließlich war der Führer der Revolution, Saad Zaghlul, damals Präsident des Klubs. „Das Schicksal hat uns wohl auferlegt, für unser Vaterland zu kämpfen“, wirft Kamal in die Runde, und einige skandieren den Schlachtruf der Ahlawis aus dem Stadion: „Wir sind Ägypten!“ Ahli ist unbestritten eine ägyptische Institution mit einer traditionsreichen Geschichte, und die Ultras von heute knüpfen an die Revolution von 1919 an.

          In Ägypten sind wenige Institutionen so gut organisiert wie die Ahlawi-Ultras. „In weniger als einer Stunde können wir 500 Leute zusammenbringen“, sagt einer ihrer Anführer stolz. Eine Handvoll intellektueller Fußballfans hatte vor fünf Jahren den Verein der Ultras mit dem Ziel gegründet, die Leidenschaft der Anhänger zu kanalisieren und für aufgeheizte Stimmung in den Stadien zu sorgen. Rivalen wie Zamalek, Ismailiya und andere kopierten gleich das Modell. Wer Mitglied wird, verpflichtet sich, einmal in der Woche an Treffen teilzunehmen und so viele Spiele wie möglich zu besuchen.

          „Die Revolution geht weiter“: Protestierende Frau in Kairo

          Anarchistische Neigungen weisen die Ahlawis entschieden von sich. Stolz sind sie aber darauf, es im Polizeistaat Ägypten als Erste gewagt zu haben, der Polizei die Stirn zu bieten und sie auch anzugreifen. Ihre Rolle vor der Revolution sei daher bedeutsamer als die während der Revolution auf dem Tahrir-Platz, glaubt Essam. Das geht darauf zurück, dass die dem Innenministerium unterstehende „Staatssicherheit“ in den vergangenen Jahrzehnten alle Bereiche der ägyptischen Gesellschaft wachsam beobachtete und sie mit eiserner Hand kontrollierte. Sie infiltrierte alle Parteien und Gewerkschaften, alle Verbände und Vereine. Niemand sollte auf eigene politische Gedanken kommen.

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