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Ägypten : Revolutionsgewinner

  • -Aktualisiert am

Die Ägypter wurden um ihre Revolution betrogen. Der Aufstand wird in der Rückschau zum Sprungbrett für die Muslimbrüder. Aus Sicht der Jugendlichen hat sich nur eines geändert: der Name des Präsidenten.

          So gewinnt man Revolutionen. Mit einem Doppelschlag gegen Judikative und Opposition ist es Ägyptens Präsident Mursi in einer Woche gelungen, seine Gegner zu überrumpeln. Daran konnten auch Zehntausende Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo nichts ändern. Ein Vierteljahr nach der Entmachtung des Hohen Militärrats steht der in der islamistischen Muslimbruderschaft politisch groß gewordene Staatschef auf dem Höhepunkt seiner Macht. Das Referendum über die Verfassung, die ein ihm am Schluss höriges Komitee erarbeitete, ist nur noch Formsache.

          Zwei Jahre nach dem Sturz Mubaraks hat damit ein Repräsentant jener gesellschaftlichen Formation gesiegt, die sich erst spät den Protesten gegen den autoritären Herrscher anschloss. Und danach immer taktisch verhielt. Von Beginn an ließen Kader der Muslimbruderschaft durchblicken, dass sie sich im Zweifel auf die Seite der Stärkeren schlagen würden - um am Ende selbst das größte Stück vom Kuchen abzubekommen. Deshalb verhandelten sie sowohl mit Funktionären Mubaraks als auch mit Generälen des bei den Revolutionären verhassten Hohen Militärrats.

          Doppelter Affront macht Versöhnung schwierig

          Die Interimsverfassung von März 2011 begünstigte die in Jahrzehnten des offiziellen Verbots am besten organisierte Gruppe. So gewann die neu gegründete Muslimbrüderpartei für Freiheit und Gerechtigkeit (FJP) die Parlamentswahl ein dreiviertel Jahr später. Als das Militär im Sommer vergangenen Jahres seine beispiellose Verhaftungswelle gegen zivile Aktivisten begann, schwiegen die Islamisten, obwohl sie jahrzehntelang selbst unter der Repression gelitten hatten. Linke, Liberale und Kopten sahen zuletzt nur noch zu, wie in der neuen Verfassung Meinungsfreiheit und Frauenrechte zu nachrangigen Größen zurechtgestutzt werden.

          Der Aufstand für Freiheit und Würde: Er wird in der Rückschau zum Sprungbrett an die Macht für die Muslimbrüder. Ob der in den Vereinigten Staaten promovierte Präsident Mursi noch einmal auf die Opposition zugeht, bleibt zweifelhaft. Der doppelte Affront der vergangenen zehn Tage macht Versöhnung schwierig - gerade als die Empörung über die Aufhebung der Gewaltenteilung am größten war, ordnete Mursi das von Islamisten dominierte Verfassungskomitee an, ein neues Grundgesetz durchzupeitschen. So wollte er dem Verfassungsgericht zuvorkommen, das wohl an diesem Sonntag die Auflösung des im Sommer gebildeten Gremiums verfügen wird.

          Wirklich beschweren kann sich freilich auch die Opposition nicht: Ihre Führung ist ein Kabinett der Eitelkeiten, das sich in den Redaktionsstuben ausländischer Magazine besser aufgehoben fühlt als in den von Tränengas vernebelten Seitenstraßen des Tahrir-Platzes. Die gehören nun wieder jenen, für die der Kampf um ein besseres Leben nicht mit dem Sturz Mubaraks endete. 2011 siegte die Revolution, weil sie sich auf im Straßenkampf erprobte Ultras stützen konnte. Jetzt wird der Protest getragen von Jugendlichen, die keine Revolutionsdividende eingestrichen haben.

          Sie werfen Steine auf Polizisten - die Sicherheitskräfte schlagen mit Knüppeln, Tränengas und Gummigeschossen zurück. Es ist ein sinnloser Kampf, doch er macht eines deutlich: Für die Ärmsten der Armen ist der Gegner nach dem Sturz Mubaraks der gleiche geblieben. Es ist der staatliche Repressionsapparat, dem nach dem Februar 2011 bei Protesten wieder Dutzende zum Opfer gefallen sind. Aus Sicht der chancenlosen Jugendlichen hat sich seitdem nur eines geändert: der Name des Präsidenten.

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