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Ägypten nach dem Umsturz : Verflogen ist der Jubel

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„Wir lassen uns nicht unterkriegen“: Unterstützer Mursis am Donnerstag in Kairo Bild: dpa

Am Tag nach der Amtsenthebung Muhammad Mursis sind die euphorisierten Massen von den Straßen Kairos verschwunden. Gegner und Befürworter der Muslimbrüder stehen einander unversöhnlich gegenüber.

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          Nur ein Verkehrspolizist trennt das alte vom neuen Ägypten. Mit rudernden Armen steht der kleine Mann in weißer Uniform in der Mitte der Kreuzung. Motorräder, Autos und Lastwagen rasen an ihm vorbei. Im Hupen und Dröhnen auf Kairos Uferstraße Corniche gehen die Rufe der Demonstranten fast unter.

          Durch die vierspurige Schnellstraße am Nil getrennt, präsentiert sich das gespaltene Ägypten am Tag eins nach Muhammad Mursi: Diejenigen, die gekommen sind, um gegen den Sturz des Präsidenten in der Nacht zuvor zu demonstrieren, stehen auf dem kleinen Grünstreifen direkt an der Böschung hinunter zum Ufer. Einige schwarz-weiß-rote Fahnen wehen über ihren Köpfen. Das kleine Grüppchen, das über den Staatsstreich froh ist, hat sich auf der anderen Straßenseite versammelt, ebenfalls mit ägyptischen Fahnen. Hinter ihnen türmt sich das Gebäude des Verfassungsgerichts auf - Ägyptens neues Präsidialamt, zumindest für heute.

          Was die Zukunft bringt, weiß niemand

          Vor ein paar Minuten ist hier Mursis Nachfolger vereidigt worden, Adli Mansur. Ein Dutzend blauer Mannschaftswagen der Polizei steht noch am Ende der breiten Straße, die auf das Nilufer zuläuft. Der kleine Mann in Uniform winkt den stockenden Verkehr weiter, Kameramänner filmen das Geschehen. „Batil, batil!“, rufen die Anhänger des unter Hausarrest gestellten Staatsoberhaupts, „illegal!“. Doch ihr Protest ändert nichts, die Amtszeit des Brückenbauingenieurs und Muslimbruders Mursi ist nach nur 368 Tagen vorbei. Künftig wird der Jurist Mansur, der erst Anfang der Woche Präsident des Verfassungsgerichts wurde, die Geschicke des Landes lenken, flankiert von der Militärführung um Verteidigungsminister Abd al Fattah al Sisi. Der hatte den Sturz Mursis am Mittwochabend im Fernsehen verkündet. Die Verfassung setzte der General vorübergehend aus, bis zu Neuwahlen soll eine Technokratenregierung über Ägypten herrschen, Armee und Polizei sollen für Sicherheit sorgen. Drei Truppentransporter sind rund um das Gerichtsgebäude plaziert, Spezialkräfte des Innenministeriums mit Helmen und Gewehren bewachen den Nebeneingang. Dicht an dicht stehen die Männer in schwarzen Uniformen vor der Absperrung aus Metallgittern.

          Wachsam: Zwei Offiziere des Militärs in der Nähe des Verteidigungsministeriums in Kairo

          Die Kreuzung am Nilufer ist fest in der Hand der Sicherheitskräfte - die Zahl der Demonstranten übersteigen sie bei weitem. Mehr als drei Dutzend Menschen haben sich auf keiner Seite der Uferstraße versammelt, die Nacht war lang. „Armee und Polizei Hand in Hand!“, ruft eine Frau in schwarzem Umhang und grünem Kopftuch. Sie steht vor ihrem Rollstuhl in der kleinen Menge der Mursi-Gegner. Von der ausgelassenen Stimmung, die bis zum frühen Donnerstagmorgen auf dem Tahrir-Platz und in vielen Vierteln Kairos herrschte, wo sich die Menschen spontan zum Jubeln zusammenfanden, ist hier nichts zu spüren. Am Morgen nach dem Putsch gegen Ägyptens erstes frei gewähltes Staatsoberhaupt ist die Hochstimmung selbst bei den Befürwortern des Umsturzes wie weggeblasen. Der alte Präsident ist weg - doch was die Zukunft bringt, weiß niemand.

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