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Ägypten : Kairo in Flammen

Brennendes Gebäude in Kairo: Seit vergangenem Freitag sind mindestens zehn Ägypter getötet und mehr als 400 verletzt worden Bild: dpa

In der ägyptischen Hauptstadt ist es auch am Sonntag wieder zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Militärs und Demonstranten gekommen. Sie fürchten, die alten Kader wollten ihre Pfründe behalten.

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          Die Betonmauer, die das Militär auf der Straße Qasr al Aini hochgezogen hat, ist mehr als nur der Versuch, die Demonstranten des Tahrir-Platzes vom nahen Parlament fernzuhalten. Es steht für die Kluft zwischen einem immer größeren Teil der Ägypter und ihrer Armee, für die wachsende Entfremdung zwischen beiden. Verzweifelt versucht die Armee, mit ihrem martialischen Vorgehen gegen die Demonstranten die Kontrolle über das Land zu behalten. In den vergangenen Tagen hat aber eine Erosion der Glaubwürdigkeit eingesetzt, die der greise Vorsitzende des Hohen Militärrats, Feldmarschall Hussein Tantawi, kaum mehr wird aufhalten oder gar umkehren können.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Bereits im November waren in den zwei Wochen vor der ersten Runde der ersten freien Parlamentswahlen Ägyptens seit 60 Jahren mehr als 45 Menschen getötet worden. Seit vergangenem Freitag sind mindestens zehn Ägypter getötet und mehr als 400 verletzt worden. Gebäude und Autos brannten, der Tahrir-Platz und die von ihm abgehenden Straßen waren wieder zu Kriegszonen geworden. Der Kreis der Demonstranten und Aktivisten ist stets derselbe: Wer heute die Militärführung herausfordert, hatte das im November getan. Zu Jahresbeginn hatten sie den harten Kern derer gestellt, die den Rücktritt von Präsident Husni Mubarak am 11. Februar erzwungen hatten.

          Botschaft des Misstrauens nicht angekommen

          Deeskalierend hatte im November gewirkt, dass die Menschen wählen wollten, aber auch dass der Militärrat einen mit zivilen Politikern besetzten „Rat der Berater“ berief. Damit wollten die Militärs den Ägyptern suggerieren, dass sie bereit seien, die Macht schrittweise abzugeben. Die Demonstranten und die Aktivisten wollen aber, dass sich das Militär nun endlich aus der Politik zurückzieht - und zwar rasch. Sie glauben, dass die Generäle alles versuchen, um ihre wirtschaftlichen Privilegien zu schützen und in der Politik das letzte Wort zu behalten. So hatten die Militärs den 78 Jahre Kamal Ganzouri zum neuen Ministerpräsidenten berufen, der bereits unter Mubarak in dem Amt gedient hatte und nun keineswegs ein Zeichen des Aufbruchs war.

          Auf der Flucht: Demonstranten in der Nähe des Tahrir-Platzes

          Aus dem „Rat der Berater“ sind am Wochenende aus Protest gegen die brutale Gewalt des Militärs ein Dutzend Mitglieder ausgetreten. Wer jetzt noch weiter dem Rat angehöre, trage Verantwortung für das, was geschehe, donnerte der Oppositionsführer Muhammad El Baradei. Ayman Nour, der Mubarak bei der Präsidentenwahl 2005 herausgefordert hatte und dafür ins Gefängnis kam, forderte die Militärs auf, sofort die Macht abzugeben.

          Doch die Botschaft des Misstrauens kam bei den Herrschenden nicht an. Denn Ganzouri machte wie in den alten Tagen „ausländische Elemente“ für die Störung der Ruhe verantwortlich, und etwas hilflos sagte er auf einer Pressekonferenz, ihm sei nicht bekannt, dass gegen die Demonstranten Gewalt eingesetzt werde. Das Militär beteuerte nicht sonderlich glaubhaft, es gehe nur gegen Kriminelle vor, würde aber niemals „Revolutionäre ins Visier“ nehmen. Es bot den Verletzten an, sich in Militärkrankenhäusern behandeln zu lassen.

          Lazarett geräumt und angezündet

          Dabei schien das Militär am Wochenende vor allem die Nerven zu verlieren. So zeigten Videos, die kursieren, aber auch internationale Nachrichtensender, die direkt von den Kämpfen berichteten, wie Uniformierte auf Demonstranten eindroschen, selbst wenn diese schon reglos auf dem Boden lagen. Sie schlugen auch brutal auf die schon betagte Aktivistin Chadiga Hennawi ein, die ehrfurchtsvoll „Mutter der Revolutionäre“ genannt wird. Das löste im ganzen Land Empörung aus.

          Verletzter Demonstrant in Kairo: Der Tahrir-Platz ist wieder zur Kriegszone geworden

          Ärzte im Feldlazarett, das auf dem Tahrir-Platz vor der Omar-Makram-Moschee errichtet worden war, berichteten, Soldaten hätten sie geschlagen, das Lazarett geräumt und angezündet. Soldaten vor dem Feldlazarett bei der Kirche Kasr al Doubara versperrten den Zugang zu den Ärzten. Unter den Gebäuden, die in Flammen aufgingen, war auch die Bibliothek des 1798 von Napoleon gegründeten „Ägyptischen Wissenschaftlichen Instituts“ - wertvolle Manuskripte gingen für immer verloren.

          Bekannter Theologe getötet

          Auf der Straße Qasr al Aini zogen die Militärs rasch eine Betonmauer hoch, um die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Schach zu halten. Anders als im November lag kein Tränengas in der Luft. Dagegen wurde mit scharfer Munition geschossen, von wem, blieb unklar. Der bekannte Theologe Scheich Emaf Effat wurde durch eine Kugel getötet, die in seinen Brustkorb eindrang. Der als modern geltende Effat war stellvertretender Generalsekretär der Einrichtung an der Azhar-Universität, die islamische Rechtsgutachten (Fatwas) ausstellt.

          In Trümmern: Die Bibliothek des 1798 von Napoleon gegründeten „Ägyptischen Wissenschaftlichen Instituts“

          Das wird den Zorn der Islamisten gegenüber dem Militär steigern. Bisher hatten die Islamisten in einem Burgfrieden das Wort nicht gegen die Uniformierten erhoben und stets die Demonstranten kritisiert. In der ersten Wahlrunde Ende November hatte die „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“ der islamistischen Muslimbruderschaft 36 Prozent der Stimmen für die Parteilisten bekommen, in der zweiten Wahlrunde, die in der vergangenen Woche stattfand, waren es nach ersten Schätzungen sogar 39 Prozent. Damit werden die Muslimbrüder die mit Abstand größte Fraktion im Parlament stellen. Die dritte Runde im letzten Drittel der Provinzen findet im Januar statt.

          Begonnen hatte der jüngste Gewaltausbruch, als das Militär am Freitag versuchte, den Sitzstreik vor dem Amtssitz des Regierungschefs nahe des Tahrir-Platzes zu räumen. Seit dem 24. November kampieren dort Demonstranten, die gegen die Ernennung von Ganzouri zum neuen Ministerpräsidenten protestieren. Nur wenige Schritte entfernt liegt das Parlament, und so nannten die Aktivisten ihren Protest „Occupy Parliament“.

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