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Ägypten : In Sorge vereint

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Nach dem Freitagsgebet: Mursi vor der Al-Azhar-Moschee in Kairo Bild: AFP

An diesem Samstag hat Muhammad Mursi seinen Amtseid als Präsident Ägyptens geleistet. Von Anwar Esmat al Sadat, dem Neffen des früheren Präsidenten, trennt ihn vieles - gemeinsam ist ihnen aber die Furcht, dass die Errungenschaften der Revolution verspielt werden.

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          Anwar Esmat al Sadat schüttelt den Kopf. Seit einer halben Stunde schon versucht er, beim Hohen Militärrat (Scaf) durchzukommen. Doch von den Generälen geht keiner ans Telefon. „Sie sind diejenigen, die die Macht übergeben sollen, aber zu erreichen sind sie nicht“, sagt er und lacht. „Das ist Ägypten.“ Als ein paar Minuten später endlich jemand den Hörer abnimmt, ist es ein Offizier ohne Befugnisse. Der Militärrat tage noch, morgen erst würden alle Details der Einführung Muhammad Mursis ins Präsidentenamt bekanntgegeben, teilt er dem Mitglied von Ägyptens verfassunggebender Versammlung mit.

          Nicht erst, seit klar ist, dass mit Mursi der erste Zivilist seit Gründung der ägyptischen Republik 1953 künftig an der Spitze des Staates stehen wird, läuft einiges ungeordnet in Kairo. So empfängt Anwar Esmat al Sadat seine Besucher nicht etwa im Parlament, wo er bis vor zwei Wochen den Menschenrechtsausschuss leitete, sondern im Büro seiner Vereinigung für Soziale Entwicklung und Wohlstand im Nordkairoer Stadtteil Heliopolis. Da das Verfassungsgericht die Parlamentswahl von Anfang des Jahres für ungültig erklärt hat, löste der Militärrat die Volkskammer Mitte Juni auf. Bis heute ist das Gebäude unweit des Tahrir-Platzes von Soldaten umstellt, die Abgeordneten dürfen ihren einstigen Arbeitsplatz nicht betreten.

          „Der Militärrat hat genug Macht“

          Auch Mursi konnte deshalb seinen Amtseid als neuer Präsident an diesem Samstag nicht vor dem Parlament leisten. Das Verfassungsgericht im Süden Kairos hatten die Scaf-Generäle in einem Dekret als Ausweichort bestimmt. Ein paar Straßen vom Militärkrankenhaus entfernt, in dem sein Vorgänger Husni Mubarak seit einer Woche behandelt wird, soll Mursi nun auf die Republik schwören. Anwar Esmat al Sadat, ein Neffe des 1981 von Islamisten ermordeten Präsidenten Anwar al Sadat, hält das für richtig. „Ob mir ihre Urteile gefallen oder nicht, ist unerheblich: Was in diesem Land zählen muss, ist die Unabhängigkeit der Justiz, sind Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit.“ Anders als viele Ägypter zweifelt Sadat nicht daran, dass der Militärrat die Macht wirklich nur für eine Übergangszeit behalten will.

          Sicherlich, Fehler hätten die Generäle gemacht, „schwere sogar“, seitdem sie das Vakuum füllen, das nach dem Sturz Mubaraks im Februar vorigen Jahres entstand. Aber spätestens Ende dieses Jahres, wenn eine Verfassung verabschiedet und ein neues Parlament gewählt sei, würden sie sich aus der Politik zurückziehen, sagt Sadat. „Der Militärrat hat genug Macht, auf Dauer braucht er seine jetzigen Befugnisse nicht.“ Dass Mursi nur über eingeschränkte Vollmachten verfügen werde, glaube er auch nicht. „Er wird die volle Autorität des Präsidenten haben und sich in allen wichtigen Fragen mit dem Scaf beraten.“

          Anwar Esmat al Sadat

          Dass Sadat die Vorbehalte vieler seiner Landsleute gegenüber Mursi nicht teilt, erstaunt nur auf den ersten Blick. Über Jahrzehnte verboten und verfolgt, steigt mit dem sechzig Jahre alten Muslimbruder ein Repräsentant jener islamistischen Bewegung ins höchste Staatsamt auf, die das militärisch geprägte Establishment Ägyptens immer ablehnte. Hier der Emporkömmling aus kleinen Verhältnissen im Nildelta Mursi - dort der großbürgerliche Politiker Sadat, mit den Mächtigen von Kindesbeinen an vertraut, Gründer der liberalen Reform- und Entwicklungspartei, seit sieben Jahren im Parlament. Hier der Traum vom islamischen Staat - dort der vom säkularen Rechtsstaat, vielleicht nach türkischem Vorbild. Was den designierten Präsidenten vom Neffen des erschossenen Präsidenten über alle ideologischen Differenzen hinweg verbindet, ist die Sorge um die Zukunft des Landes, die Furcht, dass die Errungenschaften der Revolution sozial und wirtschaftlich verspielt werden. „Eigentlich sind die Unterschiede gar nicht so groß“, sagt Sadat. „Wir teilen die gleichen Hoffnungen, den gleichen Optimismus.“ Außerdem laufe allen die Zeit davon - dem Militär, den Islamisten und den Liberalen.

          Hundert Tage hat Mursi sich gegeben, um die wichtigsten wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Fragen anzugehen. Am Wahlprogramm „Al Nahda“ (Wiedergeburt) der von ihm bis zu seinem Wahlsieg geführten islamistischen Partei für Freiheit und Gerechtigkeit schrieb er selbst mit. Sadat propagiert seit Jahren mit seiner Nichtregierungsorganisation, im Parlament und auf Konferenzen im Ausland Wege aus Armut und Unterentwicklung, für mehr Bürgerbeteiligung und Dialog. Er lobt Mursi. „In seiner ersten Rede hat er positive Signale ausgesendet und sich seitdem mit unterschiedlichen Leuten getroffen, um für Versöhnung zu werben.“

          Spaltungen im eigenen Land überwinden

          So polarisiert der Wahlkampf auch gewesen sein mag, in dem Mursi zum Schluss dem früheren Luftwaffenoberbefehlshaber Ahmed Schafik gegenüberstand, so scheint nun Pragmatismus die Oberhand zu gewinnen. Mursis Bekenntnis zur Einheit schafft Zuversicht - zumindest bei Sadat, der Ägypten an einem „Wendepunkt“ ähnlich dem sieht, dem sich sein Onkel nach dem Tod Gamal Abdel Nassers 1970 gegenübersah. Nur dass es diesmal nicht einen Kampf um die Rückeroberung besetzten Landes vorzubereiten gelte wie vor dem Oktoberkrieg gegen Israel, sondern „den Kampf gegen Korruption, gegen unsere wirtschaftlichen und sozialen Probleme“.

          Präsident Anwar al Sadat habe es auf diese Weise vor vierzig Jahren geschafft, die Ägypter zu vereinen. „Mursi muss das ebenfalls gelingen, er muss begreifen, dass er allein keinen Erfolg haben kann.“ Den außenpolitischen Mut seines Onkels, der mit seiner Reise nach Jerusalem 1978 den Friedensvertrag mit Israel einleitete, traut er dem von Jahrzehnten in der Muslimbruderschaft geprägten Mursi freilich nicht zu. Mit den Israelis kommunizieren, sie empfangen, das ja. Zunächst aber gehe es darum, die Spaltungen im eigenen Land zu überwinden. Dann erst könne sich der neue Präsident der Region zuwenden.

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