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Ägypten : Im Marsch der Millionen verpufft der Zorn

Der einflussreichste Zahnarzt von Ägypten: Berühmt ist Alaa als Aswani als Schriftsteller geworden Bild: Foto - F.A.Z. Helumt Fricke

Die Entschlossenheit, Präsident Mubarak zum Abgang zu zwingen, ist nicht gewichen. Fast ohne Angst schreiben die Demonstranten den Roman der Revolution. Unter ihnen ist auch der derzeit wichtigste Schriftsteller des Landes: Alaa al Aswani.

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          Er hat kaum geschlafen in der vergangenen Woche, aber das ist Alaa al Aswani herzlich egal. Weil er recht behalten hat. „Ich habe schon vor drei Jahren gesagt, dass in Ägypten vorrevolutionäre Zustände herrschen“, sagt er. Da habe man ihn noch für verrückt erklärt. Jetzt ist Revolution, und Aswani hat den Midan al Tahrir, den Platz der Befreiung, wieder erst spät in der Nacht verlassen. Am Nachmittag will er wieder hin. Der meistgelesene Gegenwartsautor arabischer Sprache geht jeden Tag demonstrieren – so wie Heerscharen seiner Landsleute. Sein Anzug ist zerknittert, seine tiefe Stimme hat eine verbrauchte Wärme, die von langen Nächten, vielen Gesprächen und zahllosen Zigaretten zeugt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Aswani ist ein Schriftsteller, der sich herumtreibt, der die Nähe zu den Menschen sucht, der trotz seines literarischen Erfolgs weiter in seinem Brotberuf als Zahnarzt arbeitet. Das Behandlungszimmer seiner Praxis im gutbürgerlichen Stadtteil Garden City ist eines seiner Fenster zur Welt, wo Leute ihm erzählen, was sie bewegt. Und irgendwie seien Revolutionen ja auch wie ein Zahnarztbesuch, sagt Aswani nicht ganz im Ernst, aber auch nicht ganz unernst: „Es ist manchmal schmerzhaft, man muss seine Angst überwinden, damit es einem danach besser geht.“ Aswanis Debutroman „Der Jakubijan-Bau“ ist in Dutzende Sprachen übersetzt und mehr als eine Million Mal verkauft worden; der Verlag spricht vom erfolgreichsten arabischen Buch aller Zeiten. Seine Verfilmung geriet zur teuersten Filmproduktion des Landes. Doch das Regime hatte nicht viel für Aswanis Schaffen übrig. Als er zur Premiere wollte, ließen ihn die Sicherheitsleute nicht durch.

          Ein Land von geschundener Schönheit und Größe

          Aswanis Debutroman ist ein Buch, in dem er die ägyptische Gesellschaft seziert, tief in ihre Abgründe hinabsteigt. Es ist ein Buch über Korruption, Folter, alltägliche Gewalt, sexuelle Gewalt, verlogene Sexualmoral, Elend und Ungerechtigkeit. Das alles spielt in einem imposanten Bau – nicht weit von dort,wo jetzt die Ägypter Tag für Tag gegen das Mubarak-Regime protestieren. Und wenn der Bau ein Symbol für Ägypten sein soll, dann steht er für ein Land von geschundener Schönheit und Größe, an dem Jahrzehnte der Misswirtschaft deutlich anzusehen sind. „Jede Revolution in Ägypten kam unerwartet“, sagt Aswani, der nach dem Tode des Literaturnobelpreisträgers Nagib Mahfus eine Galionsfigur der ägyptischen Intellektuellen ist. Die Ägypter seien sehr geduldig, sie neigten von ihrem Wesen her dazu, den Kompromiss zu suchen, um Konfrontationen zu vermeiden. Aber irgendwann sei der Punkt erreicht, an dem sie sagen: „Jetzt reicht es!“

          Das Volk gibt nicht auf: Die Sonne geht unter, doch noch immer ist der Tahrir-Platz voller Menschen.

          Dass es soweit ist, stellen die Ägypter am achten Protesttag in Folge im ganzen Land noch einmal eindrucksvoll unter Beweis. Der „Marsch der Millionen“, zu dem die Opposition aufrief, hat sich schon früh am Dienstagnachmittag seinen Namen verdient. Im Zentrum Kairos ertönen die bekannten Sprechchöre so laut wie nie zuvor. Islamische Geistliche stehen neben christlichen Priestern, junge Paare, ältere Herrschaften und Kinder sind auf dem Tahrir-Platz. Die Stimmung schwankt eher zwischen festlich und ausgelassen als zwischen ängstlich und aggressiv.

          Die finale Phase steht noch aus

          „Nimm ihn mit“ rufen die Demonstranten den Hubschraubern zu, die über der Szenerie kreisen. Sie wollen vor allem eines: Dass Mubarak abtritt. Und Aswani, der zum Kreis der Oppositionsbewegung „Kifaya“ gehört, ist überzeugt, dass es bald so weit sein wird. „Ob in der Literatur oder in de Wirklichkeit, ob Ben Ali oder Mubarak: Viele Diktatoren verhalten sich gleich, wenn sich ihre Zeit dem Ende zuneigt“, sagt er. Wenn Aswani dann von „einer Phase des Leugnens“ spricht, dann erinnert man sich an den Spott des Regimes, an die Worte des inzwischen entlassenen Innenministers, der den Organisatoren der Proteste noch vor etwas mehr als einer Woche verkündet hatte, dass ihre Aktionen „keinerlei Wirkung“ haben werden.

          Danach kämen die Anschuldigungen, in denen das Regime sinistre Mächte mit bösen Absichten für die Proteste verantwortlich mache, sagt Aswani, und man erinnert sich an die Vorwürfe des Regimes, es seien die islamistischen Muslimbrüder, die hinter der Oppositionsbewegung stünden. An die Propaganda, die ausländische Fernsehsender für die Unruhen verantwortlich macht.

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