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Ägypten : Gegen Christen und „ungläubige“ Muslime

Demonstrationen in Kairo Bild: dpa

Seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak versuchen radikale Islamisten ihren Einfluss in Ägypten auszuweiten. Sie stehen hinter den Angriffen auf zwei koptische Kirchen. Zu ihren Opfern zählen aber auch Muslime.

          In Ägypten mehren sich die Übergriffe radikaler Islamisten auf Kopten und säkulare Muslime. Dabei nutzen sie die Schwäche des Staates und die Verunsicherung der Sicherheitskräfte seit dem Sturz Präsident Husni Mubaraks am 11. Februar: Nach Angaben von Augenzeugen sahen Polizisten und Soldaten untätig zu, als sogenannte Salafisten am Sonntag in Imbaba, einem als streng islamisch bekannten Stadtteil von Kairo, zwei Kirchen niederbrannten. Aufgebrachte Kopten begannen danach vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens am Nil einen Sitzstreik und fordern die Absetzung des Vorsitzenden des Militärrats, General Hussein Tantawi.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Bei den Zusammenstößen, die am späten Samstag begonnen hatten, wurden zwölf Menschen getötet und mehr als 220 verletzt, davon hatten 65 Schusswunden. Justizminister Abdalaziz al Gindi kündigte an, mit „eiserner Hand“ gegen jene vorzugehen, die die nationale Sicherheit bedrohten, und die Militärführung gab bekannt, 190 Verdächtige würden Militärgerichten vorgeführt. Der Obermufti Ägyptens Ali Gomaa warnte, dass Ägypten ein Bürgerkrieg drohe, sollten Verbrecher weiter das Gesetz brechen und religiöse Spannungen anheizen können.

          Heftige Straßenschlachten

          Entzündet hatte sich der Konflikt in Imbaba an dem Gerücht, dass Kopten in einer Kirche des Stadtteils eine islamische Konvertitin aus dem Viertel, die angeblich einen muslimischen Mann heiraten wollte, gegen ihren Willen in der Kirche der Heiligen Mina festhielten. Die koptische Gemeinde tat das Gerücht als Erfindung ab. Dennoch marschierten am Samstagabend etwa 500 Salafisten – so nennen sich die radikalen Islamisten, die sich auf die Praxis der frühen Muslime berufen – zu der Kirche, vor der es zu heftigen Straßenschlachten mit koptischen Jugendlichen kam. Dabei setzten die Salafisten die Kirche der Heiligen Mina und die nahe Kirche der Jungfrau Maria in Brand.

          Heftige Straßenschlachten zwischen Christen und Muslimen

          Begonnen hatte die Eskalation schon am Freitag, als in mehreren Stadtteilen Kairos Salafisten für die „Freilassung“ der angeblich zum Islam konvertierten Camilla Shehata demonstrierten, die mit dem koptischen Geistlichen Tadros Samaan verheiratet ist. Sie war seit Juli 2010 aus der Öffentlichkeit verschwunden. Radikale Islamisten schlossen daraus, sie werde gegen ihren Willen festgehalten. Mehrere Anschläge auf Kirchen – nicht nur in Ägypten – waren mit der Forderung ihrer Freilassung verbunden, auch das Massaker in Bagdad am 31. Oktober 2010, wo 68 Christen getötet wurden.

          In den Tagen vor den Zusammenstößen hatten Islamisten vor dem Sitz des koptischen Papstes Shenuda III. für die „Freilassung“ von Camilla Shehata demonstriert. Darauf organisierten Kopten für den 6. Mai eine Gegenkundgebung für den Schutz der Kathedrale. Am Freitag aber trat sie mit ihrem Ehemann in einer Fernsehsendung auf und gab bekannt, dass sie Christin sei und bleiben wolle. Unklar ist, welche Rolle dieser Auftritt für den Ausbruch der Gewalt im Imbaba gespielt hat. Eine Organisation hinter dem Aufmarsch der Salafisten in Imbaba ist nicht zu erkennen. Da die koptische Kirche Scheidungen generell ablehnt, ist es durchaus Praxis, dass Kopten für eine Scheidung vorübergehend den Islam annehmen.

          Der wunde Punkt des ägyptischen Selbstverständnisses

          Die Salafisten setzen an einem wunden Punkt des ägyptischen Selbstverständnisses an. Zum einen ist Ägypten laut seiner Verfassung ein islamischer Staat mit der Scharia als der Hauptquelle der Gesetzgebung. Zum anderen präsentiert sich Ägypten als säkular regiertes Land. Seit dem Sturz Mubaraks forderten die Salafisten immer lauter und gewaltsamer, den islamischen Staatscharakter Ägyptens zu erhalten und zu vertiefen, sagt Andreas Jacobs, der Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo.

          Klare Strukturen der Salafisten in Ägypten seien jedoch nicht erkennbar, verlässliche Zahlen über ihre Größe seien nicht zu bekommen. Zu unterscheiden sind die Salafisten von der islamistischen Muslimbruderschaft, die Aussichten hat, aus der Parlamentswahl im September als stärkste Kraft hervorzugehen und die der Gewalt abgeschworen hat.

          Die Salafisten, als deren wichtigste Prediger Muhammad Hassan und Abdalmunim al Shahat gelten, gehen zweigeleisig vor. Zum einen versuchen sie, die Säkularisierung Ägyptens umzukehren, und sie diskreditieren etwa den Oppositionspolitiker Mohamed el Baradei als „Ungläubigen“. Zum anderen verüben sie Anschläge auf Heiligenschreine der Sufis, der mystischen Muslime, und auf Einrichtungen der Kopten. So stecken sie auch hinter dem Brandanschlag auf eine Kirche am 9. März, und in der Provinz Qena wollten sie mit Gewalt die Ernennung eines christlichen Gouverneurs verhindern. Da der Bewegung eine Organisationsstruktur ebenso fehlt wie ein Programm, ist es aber schwierig einzuschätzen, wie groß ihre Bedeutung wirklich ist.

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