https://www.faz.net/-gq5-xv22

Ägypten : Der provisorische Held der Politisierten

An wen dieses Konterfei Mubaraks erinnern soll, ist offensichtlich Bild: dapd

Selbst die Muslimbrüder teilen mit, Mohamed El Baradei solle mit dem Regime über einen Neuanfang verhandeln. Doch der Diplomat aus der Kairoer Oberschicht ist noch lange nicht die Ikone des ägyptischen Aufbruchs.

          5 Min.

          Humor haben sie immer noch. „Husni bietet der Langeweile die Stirn“, steht auf einem der Plakate der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Auch am Montag strömten wieder Tausende von Demonstranten dorthin. Müll ist zusammengekehrt worden, die Leute versorgen sich gegenseitig mit Wasser und Essen. Ausgangssperre? Husni Mubaraks Anordnung scheint hier niemanden zu kümmern. Es ist der siebte Tag der Proteste gegen den Präsidenten. Doch der macht keine Anstalten, auf die Forderungen der Bevölkerung einzugehen und abzutreten. „Das Regime spielt auf Zeit, wir setzen auf die Leute“ sagt Nagwa Hassan, beruflich Radiojournalistin, dieser Tage aber Vollzeit-Aktivistin. Viel anderes, als den öffentlichen Druck aufrechtzuerhalten, bleibt ihnen auch nicht übrig. Doch wie lange werden die Demonstranten durchhalten? Mancher sagt schon, er sei gar nicht mehr für oder gegen Mubarak, sondern nur noch dafür, etwas zu essen zu bekommen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Doch die Führer der Protestbewegung vertrauen dem Durchhaltewillen der Bevölkerung. „Es ist vielleicht unsere letzte Chance“, sagt Ahmed Salah, der sich selbst als Aktivistenveteran bezeichnet: Er ist Mitgründer der „Kifaya“-Bewegung und war auch in der Führung der „Bewegung des 6. April“. Sein Kopfverband zeugt davon, dass er auch ein Veteran der jüngsten Proteste ist. Salah vertraut wie seine Mitstreiterin Nagwa Hassan darauf, dass die Wut über all die Jahre der Ungerechtigkeit und Unterdrückung und über die starre Haltung Mubaraks ihr Übriges tun wird. Die Dynamik müsse unbedingt erhalten bleiben, sagt Salah. An diesem Dienstag sollen Hunderttausende für einen Protestmarsch mobilisiert werden.

          „Keine El-Baradei-for-President-Stimmung“

          Der Präsident hat zwar noch keine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Doch die Protestbewegung hat den Gesprächspartner des Präsidenten (beziehungsweise der Armee) benannt: Mohamed El Baradei soll dem Regime einen „geordneten Übergang“ zur Demokratie abtrotzen. Am Sonntagabend stieß der altgediente Diplomat zu den Demonstranten auf dem „Platz der Befreiung“. Sollte er geglaubt haben, dort zur Ikone der ägyptischen Revolution zu avancieren, hat er sich getäuscht. Die Massen lagen ihm nicht zu Füßen – vermutlich haben am Samstagabend nicht einmal alle auf dem Platz mitbekommen, dass er gekommen war. Das Megafon trug seine Worte nicht weit über den Kordon der in- und ausländischen Reporter und Kameraleute hinweg. „Es gibt keine Baradei-for-President-Stimmung“, bestätigt Nagwa Hassan. Der Karrierediplomat sei gewiss fähig – aber die meiste Zeit sei er gar nicht im Land gewesen. „El Baradei hat sich noch nicht bewiesen“, bilanziert die Aktivistin nüchtern.

          Von der Armee beschützt: Vater und Sohn mit Soldaten, die das ägyptische Museum bewachen

          Doch haben selbst die Muslimbrüder öffentlich kundgetan, dass El Baradei fürs Erste die Führung übernehmen solle. Abd al Munem Abu al Fotouh, der zum inneren Zirkel der Organisation gehört, hält sich im Gespräch mit dieser Zeitung allerdings mit weitergehenden Zuneigungsbekundungen zurück. Angesprochen auf die Führung der Opposition sagt er, es gebe ein Komitee der Oppositionsgruppen und Parteien, das sich in regelmäßigen Abständen träfe – das führe die Bewegung, sagte er. „El Baradei ist ein Teil davon.“ Ist er der Chef? „Das kann man so sagen.“ Einen Präsidentschaftskandidaten El Baradei würde die Muslimbruderschaft aber nicht zwangsläufig unterstützen. „Bis jetzt ist es El Baradei“, sagt Fotouh nur. Man werde sehen.

          Kandidat aus der Kairoer Oberschicht

          Topmeldungen

          Klein und furchteinflößend: Papierfischchen lieben Zellulosefasern.

          Sorge vor Schädlingen : Insekten im Museum

          Alle Museen fürchten Insekten, die ihre Sammlungen als Nahrungsquelle sehen. Trotzdem spricht kaum jemand in der Branche über Schädlingsbefall. Wer es tut, muss mit Konsequenzen rechnen.
          Verkehrsminister Scheuer musste sich wegen der Maut-Vergabe im Juli den Fragen des Verkehrsausschusses im Bundestag stellen.

          Automaut : Rechnungshof kritisiert Scheuer

          Der Bundesverkehrsminister wird seit langem für das Vergabeverfahren für die Pkw-Maut angegriffen. Auch der Bundesrechnungshof ist nicht einverstanden. Es listet gleich eine ganze Reihe von Verstößen auf.
          An der Stelle des Unglücks: Kerzen und Stofftiere erinnern an den Jugendlichen, der hier in der Münchener Innenstadt von einem Raser totgefahren wurde.

          Raserunfall in München : „Keine Hetzjagd“

          Eine Videoaufnahme von dem Raserunfall in München, bei dem ein Jugendlicher starb, soll die Polizei von Hetzjagd-Vorwürfen entlasten und den Vorsatz des Fahrers belegen. Die Staatsanwaltschaft sieht mehrere Mordmerkmale erfüllt.

          Angefasst und ausprobiert : Das kann das Motorola Razr

          Wer das neue Motorola Razr in die Hand bekommt, reißt erst einmal die Klappe auf und sucht wie bei anderen faltbaren Smartphones die Falte in der Mitte. Wir haben aber auch noch anderes ausprobiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.