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Naher Osten : Palästinenser erwarten weiteren israelischen Vorstoß

  • Aktualisiert am

Einmarschbereit: Israelische Truppen am Gaza-Streifen Bild: AP

Die Palästinenser sehen einem Einmarsch israelischer Truppen als Reaktion auf Anschläge entgegen. Israels Ministerpräsident Scharon gab Armee und Geheimdiensten freie Hand für Einsätze gegen militante Palästinenser. Deren Präsident versprach abermals ein Ende der Angriffe.

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          Die Palästinenser im Gazastreifen bereiten sich am Sonntagabend auf einen Einmarsch israelischer Truppen vor. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas sagte, seine Regierung sei von den Vereinigten Staaten über diese Absicht unterrichtet worden. Israel drohte im Tagesverlauf schon mit einer Großoffensive im Gaza-Streifen und ließ einen Befehlshaber der palästinensischen Extremisten-Organisation Hamas erschießen.

          Vor dem Kabinett sagte Ministerpräsident Ariel Scharon, er habe die Armee angewiesen, „ohne jede Einschränkung vorzugehen, um die Luftangriffe auf israelische Gemeinschaften zu stoppen“. Aus politischen Kreisen verlautete allerdings wenig später, die Offensive könne möglicherweise abgewendet werden, da israelische Sicherheitschefs Bemühungen der palästinensischen Behörden zur Kenntnis genommen hätten, die Extremisten unter Kontrolle zu bringen.

          Unter dem Eindruck einer drohenden Militäroffensive versprach Abbas am frühen Sonntag abend wiederholt eine Einstellung der Angriffe von Extremisten auf Israel. Seine Regierung werde alles tun, um die Mörser- und Raketenangriffe auf jüdische Siedlungen im Gazastreifen und israelische Ortschaften zu stoppen, sagte Abbas vor Journalisten in der Stadt Gaza. Er könne aber nicht versprechen, dass dies schon in kurzer Zeit zu erreichen sei.

          Israel zieht am Gaza-Streifen Truppen zusammen
          Israel zieht am Gaza-Streifen Truppen zusammen : Bild: AP

          Trotz des vor fünf Monaten vereinbarten Waffenstillstands haben Mitglieder militanter Organisationen seit Donnerstag mehr als 100 Geschosse auf israelische Ziele abgefeuert. Die israelische Regierung hat daraufhin am Sonntag eine massive Offensive angekündigt.

          Gefahr für den Abzugsplan

          Palästinenser-Vertreter warnten, eine Offensive könnte verheerend für den Friedensprozeß im Nahen Osten sein und Israels Pläne zunichte machen, im kommenden Monat aus dem Gaza-Streifen, einem besetzen Küstengebiet am Mittelmeer, abzuziehen.

          In den nächsten Stunden werde sich entscheiden, ob die am Wochenende nahe dem Gaza-Streifen zusammengezogenen Truppenverbände einrückten, sagte Vize-Verteidigungsminister Seew Boim im Hörfunk. Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas habe es nicht geschafft, die Extremisten im Gaza-Streifen unter Kontrolle zu bringen. „Wir bereiten eine große Operation in Gaza vor“, sagte Boim dem Sender Radio Israel. „Es hängt davon ab, was in den nächsten Stunden passiert. Es ist eine Frage von Stunden. Wir werden dieses Bombardement nicht tolerieren“.

          „Israel hat kein Vertrauen in Abbas“

          Zuvor hatte der Sender Boim mit den Worten zitiert, Abbas könne die Offensive verhindern, wenn er gegen die Extremisten durchgreife. In dem ausgestrahlten Interview sagte er jedoch, Israel habe kein Vertrauen in Abbas und seine Politik gegenüber den Extremisten.

          In politischen Kreisen wurde allerdings keine Offensive in den kommenden Tagen erwartet. Es gebe Anzeichen dafür, daß sich die Situation entschärfen könnte. Allerdings habe das Kabinett noch nicht abschließend darüber entschieden.

          „Nur zerstörerische Auswirkungen“

          Abbas hatte am Samstag die radikalen Gruppen zur Einhaltung der Waffenruhe aufgerufen und vor weiteren Kämpfen mit palästinensischen Sicherheitskräften gewarnt. „Ich rufe alle Gruppen und Parteien auf, ihr Bekenntnis zu dem zu erklären, auf das wir uns geeinigt haben - dem Bekenntnis zu Ruhe“, sagte Abbas am Samstag im palästinensischen Fernsehen. Zwar machte er Israel für die Verstöße gegen den fünfmonatigen Gewaltverzicht verantwortlich. Weitere Verstöße durch radikale Palästinenser werde er jedoch nicht dulden. Am Sonntag schlugen allerdings mindestens zwei Granaten auf israelischem Gebiet ein.

          Sollte Israel in den Gaza-Streifen einrücken, wäre dies die erste Großoffensive seit dem Tod von Abbas' Vorgänger Jassir Arafat im vergangenen Jahr. „Sollte es soweit kommen, hätte dies nur zerstörerische Auswirkungen auf die Perspektiven des Gaza-Abzugs und auf den Friedensprozeß als ganzes“, sagte der palästinensische Chef-Unterhändler Saeb Erekat.

          Hamas-Kommandeur durch Genickschuß getötet

          Am Sonntag morgen erschossen israelische Soldaten im Gaza-Streifen den Hamas-Kommandeur Said Sejam aus der Stadt Chan Junis. Sejam sei von einem einzelnen Schuß ins Genick getroffen worden, als er in den Garten gegangen sei, berichteten Angehörige. Das israelische Militär bestätigte, Sejam erschossen zu haben. Auch Hamas-Vertreter bestätigten den Tod ihres Kommandeurs. In der Organisation gibt es einen politischen Anführer gleichen Namens.

          Israel fordert seit längerem von der Palästinenser-Regierung, gegen Organisationen wie die Hamas und den Islamischen Dschihad vorzugehen. Abbas versucht aus Angst vor einem Bürgerkrieg statt dessen, sie in bestehende Strukturen einzubinden. Die Waffenruhe gilt als eine Voraussetzung für einen dauerhaften Nahost-Frieden.

          Die israelische Luftwaffe hat palästinensischen Augenzeugen zufolge am Sonntag Raketen auf ein Auto im nördlichen Gazastreifen gefeuert. Die beiden Männer in dem Auto seien entkommen, ein Passant sei aber schwer verletzt worden, berichteten sie. Der Angriff sei in Beit Lahija nahe der Grenze zu Israel erfolgt. Aus diesem Gebiet haben militante Palästinenser wiederhol Mörsergranaten und Raketen auf israelische Grenzorte abgefeuert.

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