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Naher Osten : Israel droht, weitere Hamas-Führer zu liquidieren

  • Aktualisiert am

Aktivisten der Hamas Bild: dpa/dpaweb

Einen Tag nach der Liquidierung von Scheich Jassin hat die israelische Regierung weiteren Hamas-Führern gedroht. „Alle sind in unserem Visier", sagte der israelische Minister für Sicherheit, Tsahi Hanegbi.

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          Einen Tag nachdem Hamas-Gründer Scheich Ahmad Jassin vom israelischen Militär gezielt getötet wurde, hat die Scharon-Regierung allen Anführern palästinensischer Extremisten-Gruppen mit Angriffen gedroht. „Alle sind in unserem Visier", sagte der israelische Minister für Sicherheit, Tsahi Hanegbi, am Dienstag in Jerusalem.

          Diese Entscheidung habe das israelische Kabinett in der vergangenen Woche als Reaktion auf die Selbstmordanschläge vom 14. März in der Hafenstadt Aschdod getroffen, hieß aus Regierungskreisen. Nach der Liquidierung von Jassin am Montag habe Verteidigungsminister Schaul Mofas mit den Leitern der verschiedenen Sicherheitsdienste konferiert. Dabei sei die Kabinettsentscheidung bestätigt worden. Israel werde nicht auf den nächsten Hamas-Anschlag warten, sondern zuschlagen.

          Auch Arafat im Visier

          Generalstabschef Mosche Jaalon deutete an, auch der palästinensische Präsident Jassir Arafat und der Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah könnten Ziele israelischer Angriffe werden. Jaalon erklärte am Dienstag auf die Frage, ob auch Arafat und Nasrallah getötet werden könnten: „Ich glaube, daß ihre Reaktion gestern gezeigt hat, dass sie wissen, was auf sie zukommt.“

          Derzeit beobachten die israelischen Sicherheitskräfte, wer nach dem Tod Jassins das entstandene Machtvakuum füllen wird. Zunächst könnte dies Abdel Asis Rantisi übernehmen, der als Hardliner gilt und sich stets gegen einen Waffenstillstand mit Israel ausgesprochen hat. Er entkam im vergangenen Juni einem israelischen Angriff.

          „Die Schlacht ist eröffnet“

          Auch Sicherheitsminister Hanegbi wies, ohne Namen zu nennen, besonders auf die führenden Hamas-Mitglieder Abdel Asis al Rantisi und Mahmud al Sahar hin. „Jeder, der im Gaza-Streifen oder im Westjordanland oder sonstwo darin verwickelt ist, eine Terror-Gruppe anzuführen, weiß seit Montag, daß es keine Immunität gibt", sagte Hanegbi. Offenbar mit Blick auf Rantisi und Sahar fügte er hinzu, auf der Liste der palästinensischen Anführer, die für einen tödlichen Angriff in Frage kämen, stünden auch „diejenigen, die im Fernsehen auftreten".

          Beide Hamas-Anführer geben häufig arabischen und anderen ausländischen Fernsehstationen Interviews. Rantisi hatte nach Jassins Tötung durch Israel gesagt: „Die Schlacht und der Krieg zwischen ihnen und uns ist eröffnet.“ Aus israelischen Regierungskreisen war bereits zuvor verlautet, die Tötung Jassins sei die Eröffnungssalve im Krieg gegen islamische Extremisten.

          Anspannung in Israel

          In Israel war die Atmosphäre unterdessen gespannt. Auf den Straßen von Jerusalem waren am Montag nur wenige Menschen unterwegs, die Busse blieben am Dienstag leer. In der Umgebung der großen Städte wurden Kontrollpunkte errichtet, Polizisten patrouillierten auf den Straßen. Die Grenzen zum Gazastreifen und zum Westjordanland blieben geschlossen. Die Sicherheitsvorkehrungen für Politiker und ranghohe Mitglieder der Streitkräfte wurden verschärft.

          Die israelische Regierung forderte auch ihre Vertretungen im Ausland auf, besonders wachsam zu sein. Die Kontrollen vor Botschaften und Konsulaten wurden verstärkt. Israelische Panzer rückten am späten Montagabend in den nördlichen Gazastreifen ein. Sie sollen nach israelischen Militärangaben weitere Raketenangriffe unterbinden, nachdem israelische Orte und jüdische Siedlungen im Gazastreifen beschossen worden waren. Jassin war am Montag morgen von israelischen Kampfhubschraubern aus beschossen worden, als er in seinem Rollstuhl eine Moschee in Gaza-Stadt verließ. An dem Trauerzug für seine Bestattung nahmen im Gaza-Streifen mehr als 200.000 Palästinenser teil.

          Die Tötung Jassins war im Ausland auf heftige Kritik gestoßen, wurde von der israelischen Bevölkerung jedoch mehrheitlich unterstützt. In einer Umfrage der Zeitung „Jediot Ahronot“ erklärten 60 Prozent der Befragten, die Tötung Jassins sei richtig gewesen. 32 Prozent äußerten sich ablehnend. Gleichzeitig erwarteten jedoch 81 Prozent, daß nach dem Angriff die Zahl der Anschläge zunehmen werde

          Hamas und andere gewalttätige Palästinenser-Gruppen hatten umgehend neue Attentate angekündigt. Auch eine mit dem Terror-Netzwerk Al Qaida verbundene Gruppe hat auf islamistischen Internetseiten Amerika und seinen Verbündeten mit Rache gedroht.

          Israelischer Botschafter spricht von Doppelmoral

          Der israelische Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, warf dem Westen Doppelmoral bei seiner scharfen Kritik am Vorgehen seines Landes gegen die Extremisten vor und wies die scharfe Kritik vor allem der Europäischen Union (EU) an Israel zurück. „Keiner hat je reagiert, wenn Scheich Ahmad Jassin in die Kameras gesagt hat, welch großer Erfolg die Selbstmordattentate sind, die Israelis in den Tod reißen", sagte Stein. „Für den Westen ist es legitim, Bin Ladin zu töten, aber Israel soll vorsichtig und rücksichtsvoll sein. Ich bin sehr traurig darüber, daß unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden.“

          Die EU und zahlreiche arabische Staaten hatten die Tötung als widerrechtliches Vorgehen bezeichnet und davor gewarnt, daß der international geförderte Friedensprozeß vollends zum Erliegen komme. Washington reagierte dagegen zurückhaltend und verwies auf die terroristischen Ziele der Hamas. Israel habe das Recht, sich dagegen zu verteidigen.

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