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Naher Osten : Eine Stimme für Abbas - und Arafat

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam für Palästina: In Abbas Wahlkampf ist Arafat überall präsent Bild: AP

Der nächste Präsident Palästinas versucht in Zeiten des Wahlkampfes einen gefährlichen Spagat: Er ist für Reformen und will doch die Kontinuität wahren. Denn ihm ist klar, daß jede Stimme sein Mandat stärkt.

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          Machmud Abbas stand da wie ein begossener Pudel. Er hatte seine Rede mit einem Zitat aus dem Koran begonnen, wie Arafat es auch immer getan hatte. Und ganz wie zu Arafats Zeiten reagierte die Menge mit Sprechchören: „Eine Million Märtyrer werden nach Jerusalem einziehen“, hallte es durch das Stadion von Tulkarm. Arafat, der hätte gelächelt, gewinkt und rhythmisch die Faust in die Luft gestoßen.

          Abbas stand bewegungslos hinter seinem Rednerpult, ein gefrorenes Lächeln auf den Lippen, und wartete, bis die Menge sich wieder beruhigt hatte. Dann setzte er seine Rede fort. Er forderte Israel zum Ende der Besatzung auf, pochte auf eine „gerechte Lösung“ für die palästinensischen Flüchtlinge und versicherte, „keinerlei Siedlungen in Palästina“ dulden zu wollen.

          Abbas im Glanze Arafats

          Vor allem aber redete er von Arafat: „Ich werde Abu Amrs Vermächtnis in Ehren halten und nicht von seinem Weg abweichen.“ Dann wandte er sich direkt an den verstorbenen Palästinenserpräsidenten: „Was immer du bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt hast, wovon du bei unseren Treffen auch gesprochen hast, es ist unsere heilige Pflicht, deinen Willen zu erfüllen, solange wir leben.“ Es folgte eine Schweigeminute und die Versicherung, die „palästinensische Revolution“ nicht eher zu beenden, bis Arafat auf dem Tempelberg in einer palästinensischen Hauptstadt Jerusalem seine ewige Ruhe gefunden habe.

          Im Wahlkampf für die Präsidentenwahl am 9. Januar sonnt sich Abbas, wo er kann, im Glanz des längst mythisch verklärten Arafat. Die Machtkämpfe während der kurzen Intermezzi von Abbas als Ministerpräsident erwähnt niemand mehr. Die neue Botschaft lautet: Eine Stimme für Abbas ist wie eine für Arafat. Deshalb zeigt jedes Wahlplakat, jede Zeitungsanzeige Abbas gemeinsam mit Arafat. „Kameraden im Kampf“ steht dann darunter oder „Gemeinsam für Palästina“. Kein Zufall, daß meist Arafat das Bild dominiert.

          Gefährlicher Spagat

          Auch auf den Papptransparenten in Tulkarm war Arafat weitaus präsenter als der eigentliche Kandidat. Doch wer ganz genau hinschaute, konnte vereinzelte Poster mit dem Slogan „Einheit und Reformen“ entdecken. Das ist - nach Arafat - das andere Thema des Wahlkampfes. Abbas versucht einen gefährlichen Spagat, indem er die Korruption und Vetternwirtschaft des Systems Arafat geißelt und gleichzeitig deren Urheber verherrlicht. So versucht er die - durchaus vorhandene - säkulare Mittelklasse im Westjordanland mit Reformversprechen und einer Kampagne für die Rechte der Frau auf seine Seite zu ziehen.

          Mögliche Hamas-Anhänger, die den Urnen aus Protest fernbleiben könnten, ködert er mit einer unnachgiebigen Wahlkampfrhetorik. Denn Abbas hat den Wahlsieg zwar schon in der Tasche, dennoch stärkt jede Stimme sein Mandat und verschafft ihm nach der Wahl größeren Handlungsspielraum. Siebzig Prozent der Stimmen, so wird im Umfeld des zukünftigen Präsidenten gemunkelt, sind gewünscht. Das wäre ein Mandat, mit dem sich regieren ließe.

          Indikator für einen Stimmungswechsel

          Zu welchen Zugeständnissen Abbas schließlich willens und fähig ist, wird wohl vorerst ein Geheimnis bleiben. Trotz seines etwas tumben Auftretens ist er ein erfahrener und gewiefter Politiker. Er wird - wie Ariel Scharon auf der anderen Seite - seine Karten kaum vor Verhandlungsbeginn auf den Tisch legen.

          Ein Indikator für einen Stimmungswechsel in den besetzten Gebieten könnten die Werbespots für die Genfer Initiative sein, die seit einigen Tagen im palästinensischen Fernsehen laufen. Ein Ausstrahlungsversuch vor einem Jahr endete mit einem demolierten Fernsehstudio, jetzt kam es nur zu wenigen unaufgeregten Protesten. Die Produktionsfirma gehört den Brüdern Jassir und Tarik Abbas. Ihr Vater kandidiert am 9. Januar bei der palästinensischen Präsidentenwahl.

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