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Naher Osten : Die Hizbullah will den bewaffneten Kampf nicht aufgeben

  • Aktualisiert am

Hizbullah-Chef Scheich Nasrallah: Erst Freude, dannn Drohungen Bild: AP

Nach dem Gefangenenaustausch mit Israel hat der Chef der libanesischen Hizbullah-Miliz, Scheich Hassan Nasrallah, die Entführung weiterer israelischer Soldaten angedroht.

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          Nach dem Gefangenenaustausch mit Israel hat der Chef der libanesischen Hizbullah-Miliz, Scheich Hassan Nasrallah, die Entführung weiterer israelischer Soldaten angedroht. Bei der Heimkehr von 21 Libanesen aus Israel versprach Nasrallah in Beirut, keinen (arabischen) Gefangenen in Israel zurückzulassen.

          Auch die militante Palästinenserorganisation Hamas hat nun angekündigt, nach dem Muster der Hizbullah Israelis für einen Austausch von Gefangenen zu verschleppen. Hamas plane eine Entführung von Soldaten, um sie gegen inhaftierte Palästinenser zu tauschen, sagte der Gründer und spirituelle Führer von Hamas, Scheich Ahmed Jassin, nach dem Freitagsgebet in Gaza-Stadt. „Ich bestätige, daß alle Gruppen keine Anstrengungen scheuen, Soldaten als Geiseln zu nehmen und sie gegen Häftlinge zu tauschen“, sagte Jassin. Er betrachte dies als einzigen Weg, Gefangene freizubekommen.

          Zuvor hatte der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon die militanten Organisationen vor weiteren Entführungen gewarnt. Die Vereinbarung zwischen Israel und der Hizbullah war unter monatelanger Vermittlung des Geheimdienstkoordinators im Kanzleramt, Ernst Uhrlau, zu Stande gekommen.

          Bilder, die ablenken

          Bereits die ersten Fernsehbilder hatte die Hizbullah nicht den Israelis überlassen. Das erste Interview mit der freigelassenen israelischen Geisel Tannenbaum hatte der Hizbullah-Sender "Manar" noch in der Nacht zum Donnerstag ausgestrahlt. Tannenbaum berichtete in dem Gespräch, er sei in den langen Jahren seiner Gefangenschaft nicht schlecht behandelt worden. Am Donnerstag folgten dann im Libanon die Jubelfeiern für die aus Israel zurückgekehrten Gefangenen.

          Doch diese Bilder lenken nur davon ab, daß die schiitische Miliz seit dem israelischen Rückzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000 mit der Frage ringt: Soll sie nur noch als politische Partei auftreten, wie es mittlerweile viele Libanesen fordern, oder den bewaffneten Kampf fortsetzen? Der Austausch am Donnerstag brachte Nasrallah offenbar nicht den von ihm erwünschten Zuwachs an Popularität für sich und die Hizbullah. Früher hatte er die Freilassung Tausender arabischer Gefangener aus israelischen Gefängnissen in Aussicht gestellt, jetzt waren es weniger als 500.

          Miliz will Gewalt nicht aufgeben

          Im Jahr 2000 waren die Hizbullah-Kämpfer noch bejubelt worden, hatten sie doch die israelische Armee nach 18 Jahren aus dem Libanon vertrieben. Seitdem kam es nur noch vereinzelt zu Angriffen auf Israel. Zuletzt wurde am 19. Januar ein israelischer Soldat getötet, kurz bevor der jüngste Gefangenenaustausch angekündigt wurde. In Beirut wird das als Hinweis darauf gewertet, daß die Miliz, trotz ihrer Verhandlungsbereitschaft, ihre bewaffneten Aktivitäten nicht aufgeben will.

          Das bekräftigte auch Nasrallah immer wieder - trotz des amerikanischen Drucks: Seit den Anschlägen am 11. September 2001 nahmen die Forderungen Amerikas zu, der Gewalt abzuschwören, vor allem vor und während des Irak-Krieges. Die Hizbullah steht auf der amerikanischen Liste der Terrororganisationen; Washington versucht, Syrien und Iran dazu zu bewegen, die Organisation nicht weiter zu unterstützen.

          Unterstützung aus Iran und Syrien

          Aus Iran erhält die Hizbullah wohl vor allem Waffen und logistische Unterstützung; Syrien, das die politische Oberhoheit im Libanon hat, läßt die militanten Schiiten weiterhin gewähren. Hizbullah-Mitglieder zählten zu den ersten Selbstmordattentätern. So kamen 1983 bei einem Anschlag in Beirut 241 amerikanische Marineinfanteristen ums Leben.

          Zugleich ist die Hizbullah aber auch politisch und sozial aktiv. Zwölf ihr nahestehende Abgeordnete sitzen im libanesischen Parlament. Neben dem Fernsehsender unterhält sie mehrere Krankenhäuser, Schulen und Supermärkte. Besonders unter der ärmeren schiitischen Bevölkerung genießt die 1982 gegründete "Partei Gottes" deshalb immer noch großes Ansehen.

          Mittlerweile ist die Hizbullah angeblich nicht mehr nur im Libanon aktiv. Israel wirft ihr die Unterstützung militanter Palästinenser vor und es gibt Berichte über eine Präsenz in Sudan und im Irak. Im Internet scheint die Hizbullah vor allem um junge Sympathisanten zu werben, zum Beispiel mit dem Computerspiel "Special Force" - „für daheim und die Diaspora". Virtuell können Kämpfe gegen Israel nachgespielt werden. Wer dabei besonders erfolgreich ist, den zeichnet dann Hizbullah-Chef Nasrallah persönlich aus.

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