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Naher Osten : Die Hamas schlug tiefe Wurzeln

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Mit dosiertem Pragmatismus, aber nur leicht gemilderter Gewaltpropaganda haben die palästinensischen Islamisten die Wähler für sich eigenommen. Steht die Hamas nur für weiteren Terror gegen Israel?

          5 Min.

          Israel müsse seinen Frieden mit den Palästinensern finden, bevor es zum Sieg der Islamisten komme. Deshalb fahre er nach Oslo und werde weiter drängen, sagte vor mehr als zehn Jahren der israelische Ministerpräsident Rabin. Israel hat diesen Wettlauf verloren: Die fortgesetzte Besatzung, der Terror einer „zweiten Initifada“, der Tod von PLO-Chef Arafat und die wuchernde Korruption in der Fatah-Führung brachten nun bei der Parlamentswahl der Hamas den Sieg ein.

          Freilich hat sich seit den Tagen des 1995 ermordeten Rabins auch die Hamas verändert. Zwar vergleicht die israelische Regierung den Sieg der Islamisten mit Hitlers Machtergreifung in Deutschland 1933. Es gibt aber auch Israelis, die an 1977 erinnern, als in Israel die Jahrzehnte lang wegen ihres Terrors gegen Briten und Araber ausgegrenzten Revisionisten des Herut-Likud die Arbeiterpartei besiegten. Der damalige Likud-Chef und Ministerpräsident Begin steht für den Friedensschluß mit Ägypten. Steht Hamas dagegen nur für weiteren Terror gegen Israel?

          Arafat wollte die Hamas integrieren

          Vor zehn Jahren kämpfte die Hamas für den Untergang Israels. Sie war nicht nur für Israel als Partner undenkbar, sondern wurde überdies von der PLO bekämpft. Als ein Zweig der ägyptischen Muslimbruderschaft wollte die Hamas die Palästinenser zurück zur eigenen Religion bringen und von der westlichen Kultur entzweien. Sie gründete Kindergärten und Schulen und schlug allmählich tiefe Wurzeln. Arafat beäugte die Gruppe stets mißtrauisch, wollte sie aber immer auch integrieren - freilich zu seinen Bedingungen. Die Hamas aber forderte stets mehr, als Arafat ihr zuzugestehen bereit war. 1990 etwa wollten sie mindestens 40 Prozent der Abgeordneten im PLO-Nationalrat stellen. Solche Forderungen kann nur erheben, wer gar nicht integriert werden will.

          Im Norden des Gazastreifens feiern Hamas-Anhänger

          Das änderte sich mit den Osloer Verträgen. Plötzlich hatte Arafats PLO ein Monopol in den besetzten Gebieten und neue Gestaltungsfreiheiten. In den entstehenden sozialen Einrichtungen und Ministerien war die Hamas ausgegrenzt. „Oslo“ war ja auch im Sinne Rabins ein Bündnis Israels mit der Fatah, um die Hamas auszugrenzen. Diese sah sich zunächst zu verschärfter Opposition gedrängt. Sie war gegen „Oslo“ und die Folgeverträge; sie setzte die Intifada fort.

          Als im Februar 1994 ein Siedler in Hebron 29 betende Muslime tötete, antwortete die Hamas mit Selbstmordanschlägen auf israelische Zivilisten.

          „Zuckerbrot und Peitsche“

          1996 boykottierte Hamas die Autonomieratswahl, forderte aber schon damals Lokalwahlen, ihrer eigenen Machtbasis in den Städten und Dörfern bewußt. Arafat lehnte ab. Er fürchtete ein „zweites Algerien“. Einmal ließ Arafat im Gazastreifen sogar die Autonomiepolizei Hamas-Führer verhaften. Zugleich gab es aber auch immer wieder Versuche der Fatah, die Hamas für sich einzunehmen. So willigte Arafat im Mai 2004 ein, Kommunalwahlen abzuhalten. Sie waren seit 1996 verschoben worden.

          Die Fatah-Strategie von „Zuckerbrot und Peitsche“ gegenüber der Hamas wich unter israelischem Druck während der „zweiten Intifada“ einer Rivalität um die besten „militärischen Schläge gegen die Okkupanten“. Die staatstragende Fatah mutierte wieder zur alten Widerstandsbewegung - und wurde der Hamas immer ähnlicher.

          Vom Dialogpartner zum Attentäter

          Dieser Weg läßt sich am früheren Fatah-Generalsekretär Barguti in Ramallah nachzeichnen, der vom Dialogpartner Israels zum Attentäter gegen Israelis wurde und nun in einem israelischen Gefängnis einsitzt. Die Al-Aqsa-Brigaden der Fatah und die Kassem-Brigaden der Hamas schlossen sich in Aktionsbündnissen gegen den gemeinsamen Feind Israel zusammen oder wetteiferten darum, sich als erster eines „gelungenen Anschlags“ zu bezichtigen. Arafat wie Barguti wurden freilich auch deshalb wieder zu Terrorführern, weil sie hofften, dadurch die Hamas und die anderen revisionistischen Gruppen kontrollieren zu können. Sie scheinen nicht zu bemerken, wie sie statt dessen ihre Vormacht einbüßten.

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