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Naher Osten : Der neue Gaza-Krieg

  • -Aktualisiert am

Gaza-Stadt: Das von den Israelis in der Nacht zum Samstag zerstörte Regierungsgebäude der Hamas Bild: REUTERS

Noch einmal tausend tote Palästinenser kann sich Israel nicht leisten. Denn in den arabischen Staaten regieren nun gewählte Repräsentanten von Islamisten. Das gilt nicht zuletzt für Ägypten.

          Das Blut klebe immer noch am Hemd des Ministerpräsidenten, erzählt ein Mitarbeiter Haschim Kandils, als der ägyptische Regierungschef längst wieder nach Kairo zurückgekehrt ist. Im Schifa-Krankenhaus von Gaza-Stadt hatte sich ein Mann am Freitagmorgen mit seinem getöteten Sohn im Arm zu Kandil und dem Ministerpräsidenten des Gazastreifens, Ismail Hanija, durchgeschoben und ihnen den blutverschmierten Kinderleichnam entgegengestreckt.

          Eine Szene wie aus einem Propagandafilm: Patienten in Krankenbetten, drängelnde Kameramänner und Fotografen, Familien mit Blumensträußen für den Überraschungsgast aus Ägypten in den Händen. Kandil beugte sich vor und küsste den Kopf des toten Jungen. „Was ich heute in Gaza gesehen habe, im Krankenhaus, mit den Märtyrern, dazu darf man nicht schweigen“, sagte er danach auf einer Pressekonferenz. „Lang lebe Ägypten, frei und arabisch“, jubelte ihm die Menge zu. Auch Ismail Hanija stimmte in den Chor ein.

          Seit der Eskalation des Konflikts zwischen Israel und der Hamas läuft der international isolierte Islamistenführer dem vom Westen unterstützten palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas den Rang ab. Dieser Prozess wird sich wohl durch die israelische Gaza-Politik weiter beschleunigen. Wie kein anderes Ereignis symbolisiert der Besuch des ägyptischen Ministerpräsidenten die veränderten Rahmenbedingungen, unter denen die Operation „Pillar of Defense“ stattfindet. Anders als Ende 2008, als sich das Kriegskabinett des damaligen Ministerpräsidenten Ehud Olmert auf die stillschweigende Unterstützung Husni Mubaraks für die Operation „Cast Lead“ verlassen konnte, hält das postrevolutionäre Kairo angesichts der israelischen Angriffe auf den Gazastreifen nicht mehr still.

          Der arabische Frühling hat die Koordinaten der Region verändert - einen zweiten Gaza-Krieg mit mehr als tausend toten Palästinensern wie im Winter 2008/2009 kann sich Israel kaum leisten. Das Bemühen Kandils um einen Waffenstillstand könnte so bald einer weitaus schärferen Position weichen: Ägyptens Präsident Muhammad Mursi hat bereits deutlich gemacht, dass er auf der Seite der Palästinenser stehe, nicht auf der Israels. Schon am Mittwoch, nur Stunden nach der Tötung des Hamas-Militärführers Ahmed al Dschabari, berief er Ägyptens Botschafter in Tel Aviv nach Kairo zurück.

          Friedensvertrag hin oder her: Die Zeit autokratischer Führer in Nordafrika ist vorerst vorbei, zu tun hat es Israel nun mit gewählten Repräsentanten islamistischer Bevölkerungsschichten. Für die mag seit den Revolutionen von 2011 die Sorge um ihre und die Zukunft ihrer Kinder wichtiger sein als der künftige Status Palästinas. Doch die Lage in Gaza, die anhaltende Blockade durch israelische Behörden und die Armee, drängt zwei Jahre nach Beginn der arabischen Aufstände zurück auf die Tagesordnung der arabischen Welt. Nicht nur, aber auch, weil es Führern wie Mursi hilft, von innenpolitischen Problemen abzulenken.

          An der Grenze zum Gazastreifen: Der Beschuss des palästinensischen Territoriums geht auch am Samstag weiter

          Tag drei des neuen Gaza-Krieges bedeutete aber noch aus einem anderen Grund eine Wende im Dauerkonflikt Israels mit der Hamas, der mit der gezielten Tötung Dschabaris am Mittwoch eskaliert ist. Am Freitag schlugen aus dem Gazastreifen abgeschossene Raketen in der Nähe Tel Avivs und Jerusalems ein - zum ersten Mal seit 1991, als der damalige irakische Präsident Saddam Hussein Israel beschießen ließ. In der Nacht auf Samstag ordnete das Kabinett Ministerpräsident Benjamin Netanjahus und Verteidigungsminister Ehud Baraks die Mobilisierung von 75.000 Reservisten an. Die zweite israelische Bodenoffensive im Gazastreifen innerhalb von vier Jahren wird immer wahrscheinlicher.

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