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Naher Osten : „Demokratischer als Israel wollen wir werden“

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Beliebt, aber chancenlos: Mustafa Barguti Bild:

Mustafa Barguti ist beliebt bei den Palästinensern. Doch gegen einen omnipräsenten Mahmud Abbas, der stets den Geist von Arafat beschwört, ist er bei der am Sonntag anstehenden Wahl chancenlos.

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          Längst ist im großen Hörsaal der Bir-Zeit-Universität kein Platz mehr frei. Nach seiner Triumphreise durch den Gaza-Streifen will Mustafa Barguti an diesem Donnerstag die Studenten der angesehenen Hochschule nördlich von Ramallah dafür gewinnen, ihn am Sonntag zum Präsidenten der palästinensischen Autonomie zu wählen.

          In Bir Zeit sind die meisten Menschen für die Fatah und damit für PLO-Chef Mahmud Abbas. „Aber das heißt doch nicht, daß wir nicht auch Mustafa hören wollen“, sagt eine Studentin, die das Kopftuch der frommen Muslimin trägt.

          Jubel im Hörsaal

          Der 50 Jahre alte Arzt Barguti ist wohl kaum ihr Kandidat der Wahl. Er ist säkular und gehörte einst zur kommunistisch orientierten Volkspartei (PPP). Sie aber sagt: „Ein religiöser Kandidat wäre mir lieb; aber vorrangig ist die Einheit der Nation.“ George, ein christlicher Student, sieht das ähnlich: „Ich mag Barguti; er ist ein Kämpfer für die Menschenrechte. Aber er kann nicht Präsident werden.“

          Barguti beim Bad in der Menge

          Als der Arzt in den Hörsaal einzieht, brandet Jubel auf. Barguti hat Charisma. Er kann die Studenten schnell für sich gewinnen, wirkt jugendlich, energisch. Zugleich erscheint er in seinem dezenten Anzug wie ein Manager. Der Sozialpolitiker hatte sich in Ramallah in den letzten Jahren der blutigen „Intifada“ einen Namen gemacht.

          Eingereiht in die revisionistischen Volksfronten

          Sanitäter seines „Medical Relief Committee“ bargen unzählige Opfer und versorgten sie. Ihm genügte es dabei, wie ein Unparteiischer die harten Fakten der Besatzung und des Kampfes aufzuzählen. Nun präsentiert sich der unabhängige Kandidat als Gegner des Friedensplans von Oslo, will erst die Freilassung aller Gefangenen und dann den Dialog mit Israel.

          Damit scheint er sich bei den revisionistischen Volksfronten einzureihen und setzt sich von Abbas ab. Barguti präsentiert sich als Kämpfer und berichtet auch den Studenten, wie er immer wieder von der Besatzungsarmee behindert wird; am Vorabend am Grenzübergang Erez im Gaza-Streifen, der wegen eines Anschlages freilich für jedermann geschlossen war.

          Abbas gilt schon als Gewinner

          Sieben Kandidaten bewerben sich für das Präsidentenamt. Doch schon jetzt gilt der Fatah-Kandidat und Arafat-Nachfolger als PLO-Chef, Abbas, als Gewinner. Auch wenn er eher hölzern als weltmännisch auftritt; auch wenn er nicht so schlagfertig auf Fragen eingeht wie Barguti - als Kandidat der herrschenden Fatah-Bewegung wird er am Sonntag wohl siegen.

          Der Triumph scheint so sicher, daß die Fatah mit Werbespots, Stickern und Plakaten dazu aufruft, am Sonntag zur Wahl zu gehen. Mehr als siebzig Prozent der Wähler trugen sich in die Wahlregister ein. An der ersten Runde der Kommunalwahlen Ende Dezember betiligten sich achtzig Prozent der Wahlberchtigten. Doch wird die Beteiligung wieder so hoch sein, wo doch das Rennen entschieden scheint?

          „Salchi wird nur von seinen eigenen Leuten gewählt“

          Die anderen Kandidaten konnten in Bir Zeit selbst kleine Hörsäle kaum füllen. Bassam al-Salchi von der kommunistischen PPP zum Beispiel, sagt George, „wird nur von seinen Parteileuten gewählt. Der bekommt nur ein paar Prozent“. Dem Unabhängigen Barguti werden immerhin zwanzig Prozent der Stimmen vorhergesagt.

          Vielleicht gibt er sich radikal, um islamistische Wähler zu gewinnen. Hamas und Dschihad selbst präsentieren keine Kandidaten. Sie riefen aber auch nicht zum Boykott der Wahlen auf. Vielmehr fordern die Imame nach dem Gebet in den Moscheen immer wieder zur Stimmabgabe auf. Zugleich setzt aber die Hamas ihren Krieg gegen Israel fort und schießt gegen die Aufforderung von Abbas und das Votum des Fatah-Zentralkomitees weiter Kassem-Raketen auf Israel.

          „Linker Kandidat“ wider den „Neopatrimonialismus“

          Vor den Studenten in Bir Zeit plädiert auch Barguti für die Fortsetzung des Kampfes; auf die Methoden geht er freilich nicht ein. Die deutsche Politologin Helga Baumgarten in Bir Zeit hält Barguti für einen „linken Kandidaten“, der den Widerstand gegen die Besatzung dazu nutzen will, die Gesellschaft gleichsam „basisdemokratisch“ zu mobilisieren und demokratisch umzuformen.

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