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Naher Osten : Abbas spielt Schußwechsel herunter

  • -Aktualisiert am

Abbas: „Unbeabsichtigtes Feuern in der Luft” Bild: REUTERS

Nach der Schießerei im Trauerzelt für Jassir Arafat, bei der am Sonntag abend zwei Leibwächter von Mahmud Abbas ums Leben gekommen sind, versucht der PLO-Chef, zu beschwichtigen: „Was da geschah, hat keinen politischen Charakter.“

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          Die palästinensischen Sicherheitsdienste wollen eine Kommission einrichten, um die Schießerei im Trauerzelt für Jassir Arafat zu untersuchen, bei der am Sonntag abend zwei Leibwächter von PLO-Chef Abbas ums Leben gekommen sind. Damit soll offenbar zugleich das Augenmerk der Welt von dem Vorfall abgelenkt werden. In Ramallah wird er vor ausländischen Besuchern jedenfalls heruntergespielt.

          Schon kurz nach dem wohl zehn Minuten dauernden Schußwechsel - Abbas war von seinen Personenschützern aus dem Zelt geschoben worden - sprach der PLO-Chef scheinbar ungerührt in die Kameras: „Was da geschah, hat keinen politischen Charakter.“ In dem Zelt sei es so emotionsgeladen hergegangen, „daß ein unbeabsichtigtes Feuern in die Luft begann“.

          „Arafat-Märtyrer-Brigaden“

          Ähnlich reagierte wenig später der frühere Sicherheitschef von Abbas, Dahlan, der sich nicht zu den tausend Menschen in das Zelt gedrängt hatte. Der Vorfall sei das „Ergebnis von einem gewissen Durcheinander bei der Kontrolle des Areals, aber es handelte sich nicht um einen Mordversuch“. Immerhin starben zwei Sicherheitsleute im Feuer, ein Dahlan-Polizist und ein Mann der „Präsidentengarde Force 17“. Nicht dementiert wurde, daß - schon bevor die schießenden Männer in das Zelt eindrangen - aus ihrer Richtung gerufen wurde: „Nein zu Abbas! Nein zu Dahlan!“ Das seien Mitglieder der „Al Aqsa-Brigaden“ gewesen, die sich nun als „Arafat-Märtyrer-Brigaden“ bezeichnen und zum militanten Arm der Fatah gehören.

          Arafats Leibgardisten, die nun Abbas bewachen, trauern um ihren toten Kameraden
          Arafats Leibgardisten, die nun Abbas bewachen, trauern um ihren toten Kameraden : Bild: AP

          Diese „Brigaden“ nennen sich mit Recht nach dem ehemaligen PLO-Chef Arafat. Er hinterläßt ein gesellschaftliches Chaos, das er geschaffen hatte, um seine Macht zu wahren. Denn nur er war mächtig genug, die auseinanderstrebenden Kräfte in seinem Namen doch noch zu einen. Letzthin aber war auch Arafat etwa gegenüber jenen jugendlichen Banden machtlos geworden, die im Bündnis mit Islamisten Terror säen. Sie erhalten ihr Geld längst nicht mehr aus Arafats Kassen, sondern - vor allem im Norden des Westjordanlandes - von der libanesischen Hizbullah.

          Ausgeprägte Anarchie

          In Gaza, wo Arafat seit drei Jahren nur noch telefonisch herrschen konnte, ist die Anarchie besonders ausgeprägt. Dort war es erstmals im Juli zu Kämpfen zwischen Getreuen des früheren Polizeichefs Dahlan und dem Arafat-Anhänger und Neffen Moussa Arafat gekommen, den der Onkel auch noch gegen die Dahlan-Gruppe zum Leiter der meisten Polizeidienste machen wollte. Das scheiterte zwar, aber der Konflikt schwelt weiter.

          Die einen sagen nun, Arafats Neffe stecke hinter dem Versuch, Abbas zumindest einzuschüchtern. Andere machen den Fatah-Führer von Gaza, Achmed Halas, verantwortlich. Alle meinen, daß es leicht gewesen wäre, Abbas wirklich zu töten. Das sei aber nicht die Absicht gewesen. Andererseits gibt es ein Flugblatt, das einen „Attentatsversuch“ gegen jene zugibt, die „nun glauben, sie könnten die gewalttätige Intifada beenden und Arafats Erbe betrügen“.

          Weder Anarchie noch Furcht

          Der Fatah-Politiker Abu Zaida, der mit Dahlan vor dem Zelt gestanden haben will, sagt, Dahlans Leute seien in den Vorfall nicht verwickelt gewesen. „Abbas ist auch nicht nur ein Dahlan-Mann. Er ist der Wahlkandidat der gesamten Fatah.“ Es gebe weder Anarchie noch Furcht, fügt er hinzu. T

          atsächlich zeigte sich bei Arafats Beerdigung, als das Feuer der Arafat-Brigaden begann und die uniformierte Autonomie-Polizei hereinstürzte, als Arafats Sarg nicht aufgebahrt werden konnte, sondern wegen der drängenden Massen eilig beerdigt werden mußte, daß die PLO-Führer das mit Gelassenheit hinnahmen und keine Furcht davor zeigten, selbst in das Feuer zu geraten, das immerhin sechs Personen „unabsichtlich“ verletzt haben soll.

          Erekat: Wahlen statt Gewalt und Anarchie

          Derweilen sagte der palästinensische Verhandlungsführer Erekat, die Schießerei im Trauerzelt in Gaza am Sonntag abend zeige die „Dringlichkeit von Wahlen“. „Wenn wir keine Wahlen haben, werden Gewalt und Anarchie wieder ausbrechen, sagte der palästinensische Chefunterhändler Sajeb Erakat am Montag in einem Privatsender des israelischen Fernsehens.

          Nur wenn das Votum verfassungsgemäß innerhalb von 60 Tagen nach dem Tod von Palästinenserpräsident Jassir Arafat abgehalten werde, könne „ein Prozeß zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung“ einsetzen. Die Schießerei vom Sonntag nannte Erakat „beschämend“. Erekat forderte auch eine Wiederaufnahme des Friedensdialogs mit Israel „ohne Vorbedingungen“.

          Powell will Ramallah verhandeln

          Der amerikanische Außenminister Powell will in der kommenden Woche in Ramallah den Kontakt zur neuen palästinensischen Führung aufnehmen. Das kündigte Außenminister Schaath in Ramallah an. Bisher war nur von einem Treffen in Kairo die Rede gewesen. Washington möchte zunächst die für Anfang Januar angesetzte Wahl in den palästinensischen Gebieten fördern. Dazu fordert die amerikanische Regierung auch Israels Hilfe. Die Armee müßte aus den palästinensischen Orten abziehen, um einen ordentlichen Wahlkampf möglich zu machen.

          „Viele neue Chancen“

          Jerusalem scheint dagegen bisher nur dazu bereit, den geplanten Rückzug aus dem Gazastreifen mit der palästinensischen Autonomiebehörde zu koordinieren. Im Gegenzug müsse diese aber die Gewalt eindämmen, sagte der neue Sprecher im israelischen Außenamt, Regev, in Jerusalem. Wenn die Autonomie ihren Pflichten aus dem Friedensplan des Nahost-Quartetts nachkäme, dann „ergeben sich viele neue Chancen“. Bislang wollte der israelische Ministerpräsident Scharon einseitig aus dem Gaza-Streifen abziehen.

          Die israelische Marine untersucht unterdessen, wie es dazu kommen konnte, daß ein bisher nicht näher bestimmtes U-Boot vergangene Woche bis 18 Meilen vor Naharija an Israels Küste herankommen konnte. Am Montag hieß es, das Boot sei auf einer Aufklärungsmission gewesen und habe einer westlichen Macht gehört. Es sei entdeckt worden, als es schon drei Meilen tief in israelische Gewässer eingedrungen sei. Einmal entdeckt, habe sich das Boot wieder zurückgezogen. Israels Aufklärung habe versagt, hieß es im Radio.

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