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Naher Osten : Abbas im Zwiespalt

  • -Aktualisiert am

Der „Bruderkrieg” als verpasste Chance: Präsident Abbas Bild: REUTERS

Mit dem Selbstmordanschlag in Eilat wollte der islamische Dschihad Hamas und Fatah „aufrütteln“. Sie sollen ihre blutige Fehde beenden und die Waffen wieder gegen Israel richten. Präsident Abbas bringt das in eine prekäre Situation. Jörg Bremer berichtet aus Jerusalem.

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          Die israelische Öffentlichkeit ist nur in Maßen an den gewalttätigen Auseinandersetzungen in den palästinensischen Gebieten interessiert. Der „Bruderkrieg“ im Gazastreifen gilt als verpasste Chance, hinter international anerkannten Grenzen eine zwar vorläufige, aber vorbildliche Teilstaatlichkeit aufzubauen. So sehen es freilich auch viele Palästinenser, die seit den Verträgen von Oslo 1993 - meist vergeblich - versuchen, die Chancen der Autonomiebehörde zu nutzen.

          Im Gazastreifen gibt es heute keinen israelischen Siedler oder Soldaten mehr. Israel sieht sich nicht mehr in der Verantwortung. Gleichwohl machen israelische Stimmen und internationale Organisationen deutlich, dass Israel die Besetzung faktisch weiter aufrecht erhält, nicht nur durch die Kontrolle des Bevölkerungsregisters, sondern auch dadurch, dass es die Grenzen des Gazastreifens kontrolliert und jene zu Israel geschlossen hält. Zu dieser Besatzung gehört demnach auch, dass Israel den Gazastreifen fast hermetisch vom Westjordanland abtrennt und einen Transfer - von Studenten, Händlern oder Wirtschaftsgütern - meist unmöglich macht.

          Anschlag sollte „aufrütteln“

          Der erste Selbstmordanschlag in Israel seit neun Monaten, der am Montagmorgen in Eilat den palästinensischen Attentäter und drei Israelis das Leben kostete, könnte die Verbindung zwischen dem Bürgerkrieg der Fraktionen in den palästinensischen Gebieten und Israels Palästina-Politik wieder ins Blickfeld rücken. Das war anscheinend die Absicht des 21 Jahre alten Attentäters, der aus dem Gazastreifen über Jordanien nach Eilat gelangt war.

          Der 21 Jahre alte Ahmed Sersik soll die Tat begangen haben

          Der Mörder gehörte offenbar zum Islamischen Dschihad, der sich seit Wochen im Fraktionenkrieg abseits hält. Auf der Internetseite der Organisation hieß es am Montag, man habe die rivalisierenden palästinensischen Parteien Fatah und Hamas aufrütteln wollen, ihre blutige Fehde mit schon etwa 60 Toten zu beenden. Statt dessen sollten sie ihre Waffen wieder auf die israelischen Besatzer richten.

          Washington soll weitere Fatah-Miliz finanzieren

          Während die islamistische Hamas den Anschlag als natürliche Antwort auf die israelische Militärpolitik im Gazastreifen und Westjordanland und den anhaltenden Boykott Israels gegen die gewählte palästinensische Hamas-Regierung pries, kritisierte Fatah: „Wir sind gegen jede Operation, die auf Zivilisten aus ist, seien es nun Palästinenser oder Israelis.“

          In Umfragen hatte zuletzt tatsächlich auch die allgemeine Abneigung der Palästinenser gegen terroristische Selbstmordanschläge zugenommen. Darum auch hatte Hamas in den vergangenen Monaten von solchen Anschlägen abgesehen, auch wenn die israelischen Sicherheitsdienste immer wieder über akute und abgewandte Anschlagsdrohungen berichten.

          Doch auf der palästinensischen Straße könnte sich die Meinung ändern. Der palästinensische Präsident Abbas nützt die jüngst von Israel erstatteten Steuer- und Zoll-Gelder aus palästinensischen Gütern auch für den Aufbau seiner Miliz. Sicherheitschef Dahlan will eine Sondergruppe von 12.000 Mann schaffen, um den Islamisten der Hamas die Stirn zu bieten. Vor allem Gelder aus Washington sollen diese säkulare palästinensische Miliz gegen die Islamisten finanzieren. Schon heißt es, der israelische und amerikanische Teufel wollten den Bruderkampf verstärken, denn es sei leichter, mit einem ausgebluteten palästinensischen Volk fertig zu werden.

          Es geht um die Identität

          Für Abbas entsteht eine prekäre Situation: Einerseits will er als der gewählte Präsident die in sich zerstrittene palästinensische Autonomiebehörde wieder zum Partner am Verhandlungstisch machen. Andererseits werfen ihm die Islamisten vor, er sei nur noch der Lakai der Feinde.

          Abbas will einen säkularen Staat, Hamas eine islamische Republik. In dieser Situation lädt der saudische König Abdullah die zerstrittenen Brüder in die heiligste Stadt des Islams ein - nach Mekka. Beide Seiten nahmen die Einladung an. Sie wissen, dass es längst nicht mehr nur um die Macht in den palästinensischen Gebieten geht. Es geht um die Identität, und dabei aus westlicher Sicht um den Versuch, die muslimische Herkunft mit den Erfordernissen einer säkular-demokratischen Zukunft zu versöhnen.

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