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Zum Tod von Ruth Ginsburg : Die Unersetzliche

Nur noch den lieben Gott über sich: Ruth Bader Ginsburg Bild: EPA

Einst fragte ihr Dekan, warum sie einem Mann den Studienplatz wegnehme. Ihre Antwort war geistreich, ihre Karriere als Richterin voller List. Mit ungemeiner Energie trieb Ruth Bader Ginsburg die Gleichheit der Geschlechter voran.

          8 Min.

          Das Ritual war aus der Angst geboren. Amerikaner, die von ihrem Präsidenten Donald Trump nur Übles erwarten, fragten einander: Lebt sie noch? Jetzt ist es geschehen. 46 Tage vor der Präsidentenwahl ist Ruth Bader Ginsburg, Richterin am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, in Washington gestorben. Nach ihren wiederkehrenden Krebsdiagnosen, deren letzte im Juli bekanntgemacht wurde, hatte man dieses Ereignis Tag für Tag befürchten müssen. Sie wurde 87 Jahre alt. Nur drei Richter in der Geschichte des Supreme Court erreichten ein höheres Lebensalter auf der Richterbank.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das öffentliche Warten auf das Eintreten eines Todes, den Gebete, verzweifelte Wünsche und tröstliche ärztliche Bulletins hinausschieben sollen, kennt man eigentlich nur von Monarchen. Mit den Königen haben die amerikanischen Bundesrichter gemein, dass sie ihre Ämter auf Lebenszeit ausüben. Und die neun Mitglieder des obersten Bundesgerichts haben wie ein Monarch im Absolutismus wirklich nur noch den lieben Gott über sich, den Herrn über Leben und Tod.

          Ein halbes Land in Trauer: Hunderte Amerikaner gedachten Ginsburgs vor dem Supreme Court.
          Ein halbes Land in Trauer: Hunderte Amerikaner gedachten Ginsburgs vor dem Supreme Court. : Bild: EPA

          Dass Ruth Bader Ginsburg, die 1933 in Brooklyn als Kind jüdischer Einwanderer aus Russland geboren wurde, nach 27 Jahren im höchsten Richteramt ein Nimbus der Unersetzlichkeit umgab, entbehrt nicht der Ironie. Denn mit ihrer Lebensarbeit hat sie ein neues Kapitel des Fortschritts der republikanischen Prinzipien geschrieben. Das oberste republikanische Prinzip ist die Gleichheit der Staatsbürger. Übersetzt man dieses moralische Ideal ins Soziologische, erhält man eine Regel der Arbeitsteilung: die Normalität des Rollentauschs. Jeder Bürger ist grundsätzlich, im Rahmen seiner Fähigkeiten und Anstrengungen, für jedes Amt und jede Stellung geeignet. Es gibt für das Recht keine ererbten oder sonstwie angeborenen Qualitäten von Personen, die eine Vorzugsbehandlung rechtfertigen könnten. Ruth Bader Ginsburg hat dafür gesorgt, dass dieser Grundsatz auch bei der Gleichbehandlung von Männern und Frauen beachtet wird.

          Ihre ausgefeilte Strategie war erfolgreich

          John Roberts, der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, hat seine verstorbene Kollegin mit dem Satz gewürdigt: „Unsere Nation hat eine Juristin von historischem Rang verloren.“ Geschichte hat Ruth Bader Ginsburg nicht erst im Supreme Court geschrieben, als zweite Frau unter den 114 seit 1789 ernannten Mitgliedern des Gerichtshofs. Gewöhnlich qualifizieren sich die Kandidaten für die höchsten Richterämter durch mehr oder weniger unauffällige Arbeit in den unteren Instanzen. Auch Ruth Bader Ginsburg wirkte von 1980 bis 1993 an einem Berufungsgericht in der Bundeshauptstadt Washington, ernannt von Präsident Jimmy Carter, im letzten Jahr seiner Amtszeit.

          Der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton (links) ernannte Ginsburg zur Richterin am Supreme Court.
          Der damalige amerikanische Präsident Bill Clinton (links) ernannte Ginsburg zur Richterin am Supreme Court. : Bild: Reuters

          Dort schloss sie eine unwahrscheinliche Freundschaft mit Antonin Scalia, der 1986 an den Supreme Court befördert wurde, wo er sich als scharfzüngiger Stratege des konservativen Flügels exponierte. Hätte Präsident Bill Clinton 1993 dem Senat statt Ruth Bader Ginsburg einen anderen Kandidaten vorgeschlagen, etwa den Gouverneur von New York, Mario Cuomo, der die Nominierung ablehnte, und wäre sie für den Rest ihres Lebens Richterin in der zweiten Instanz geblieben, würde die amerikanische Nation heute trotzdem um eine Juristin von historischem Rang trauern. Denn Historisches leistete sie schon vor ihrem Wechsel aus der akademischen Welt in die Richterlaufbahn.

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