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Protest in Europa : „Rassismus ist ein Virus“

  • Aktualisiert am

Gegen Rassismus und Polizeigewalt: Der Protestmarsch durch Kopenhagen am Sonntag. Bild: Reuters

Auch am Sonntag haben sich in vielen europäischen Städten Tausende Menschen versammelt, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Größtenteils verliefen die Proteste friedlich. In Bristol versenkten Demonstranten die Statue eines Sklavenhändlers.

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          Trotz coronabedingter Verbote größerer Versammlungen haben in vielen europäischen Städten auch am Sonntag Zehntausende gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstriert: Im Zentrum Londons etwa versammelten sich Tausende Protestler vor der amerikanischen Botschaft, um abermals ein Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit zu setzen. Einige davon trugen Gesichtsmasken mit der Aufschrift „Rassismus ist ein Virus“.

          Am Sonntag wie auch schon am Samstag waren die Demonstrationen in der britischen Hauptstadt weitgehend friedlich verlaufen. Am Ende der Samstagsdemonstration gab es jedoch in der Nähe des Amtssitzes von Premierminister Boris Johnson Zusammenstöße zwischen der Polizei und einer kleinen Zahl von Demonstranten. Laut Polizei wurden dabei 27 Beamte verletzt, 14 davon am Samstag. Die britische Regierung warnte davor, dass es bei Massenprotesten vermehrt Ansteckungen mit dem Coronavirus geben könnte.

          Demonstranten reißen Statue nieder

          In Bristol rissen im Zuge der Anti-Rassismus-Proteste am Sonntag Demonstranten die Statue eines Sklavenhändlers nieder und warfen sie in den Fluss. Bei der Bronzestatue handelte es sich um ein Abbild von Edward Colston, einem Sklavenhändler des 17. Jahrhunderts. Die Statue sorgt in der Stadt seit vielen Jahren für Kontroversen.

          Colston war Mitglied der Royal African Company, von der angenommen wird, dass sie etwa 80.000 Männer, Frauen und Kinder von Afrika nach Amerika verschleppt hat. Er starb 1721 und bestimmte in seinem Testament, dass sein Vermögen künftig für wohltätige Zwecke eingesetzt werden solle, weshalb sein Name und sein Antlitz heute noch auf verschiedenen Straßenschildern, Denkmälern und Gebäuden von Bristol zu sehen sind.

          Nachdem die Demonstranten die Statue umgestürzt hatten, posierte ein Protestler mit seinem Knie am Hals der Figur – eine Nachahmung der Szene, die zum Tod George Floyds im amerikanischen Minneapolis geführt hatte, nachdem ein Polizeibeamter ihm minutenlang mit dem Knie auf dem Hals die Luft abgedrückt hatte. Daraufhin schleppten die Demonstranten die Statue durch die Straßen der Stadt und versenkten sie anschließend im Hafenbecken. Den leeren Sockel nutzen sie anschließend als Bühne. Die örtliche Polizei teilte mit, es werde eine Untersuchung zum Niederreißen der Statue geben.

          Weitere Proteste fanden in England auch in Manchester, Wolverhampton, Nottingham, Glasgow und Edinburgh statt.

          Demonstration in Göteburg aufgelöst

          Auch in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen versammelten sich Tausende Menschen zu einem Großprotest gegen Rassismus und Polizeigewalt. Nach einem Aufruf des dänischen Ablegers der Bewegung Black Lives Matter (Schwarze Leben zählen) versammelten sich die Protestteilnehmer am Sonntagnachmittag zunächst ebenfalls vor der amerikanischen Botschaft im Stadtteil Østerbro, ehe sie gemeinsam Richtung Schloss Christiansborg zogen, in dem sich unter anderem das dänische Parlament befindet. Insgesamt kamen mehr als 15.000 Teilnehmer zusammen, wie der Rundfunksender DR unter Verweis auf die Polizei berichtete.

          Auch im schwedischen Göteborg wurde demonstriert, dort kamen rund 2000 Menschen zusammen. Zugelassen waren wegen der geltenden Corona-Beschränkungen nur 50 Teilnehmer, weshalb die Polizei die Veranstaltung vorzeitig auflöste. Im Anschluss wurden einige Flaschen auf die Beamten geworfen, auch einige Schaufenster wurden zerstört. Es kam zu mehreren Festnahmen, wie die Zeitung „Göteborgs-Posten“ berichtete.

          Auch in Spanien und Italien schlossen sich am Sonntag Menschen der Protestbewegung an. Vor der amerikanischen Botschaft in Madrid versammelten sich Tausende, die Floyds Tod verurteilten und dessen letzte Worte wiederholten: „Ich kann nicht atmen.“ Die Demonstranten knieten für Schweigeminuten nieder. In Barcelona versammelten sich Hunderte Menschen.

          Tausende Menschen knieten auch in Rom auf der Piazza del Popolo mit erhobenen Fäusten nieder und schwiegen mehrere Minuten lang in Gedenken an Floyd. „Wir können nicht atmen“, riefen die Demonstranten anschließend. Auch in der ungarischen Hauptstadt Budapest versammelten sich mehr als tausend Menschen in der Nähe der amerikanischen Botschaft. Die Demonstranten hielten Transparente mit der Aufschrift „Polizei überall – Gerechtigkeit nirgendwo“ hoch und hielten ebenfalls Gedenkminuten ab.

          In Deutschland fand in Leipzig am Sonntag eine große Demonstration statt. Unter dem Motto #BlackLivesMatter zogen rund 15.000 Menschen vom Hauptbahnhof zum Bundesverwaltungsgericht. Die Polizei meldete einen weitestgehend friedlichen Verlauf.

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