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Nach Tod des Sonderermittlers : Ruf nach Gerechtigkeit

  • -Aktualisiert am

Langes Warten auf die Wahrheit: Der Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in der Calle Pasteur 1994 Bild: AFP

Für viele Argentinier war der Sonderermittler Alberto Nisman ein Held. Sie wollen die These, er habe Selbstmord begangen, nicht glauben – und halten es für möglich, dass die Staatspräsidentin den Hintermännern des Amia-Anschlags Straffreiheit zusicherte.

          Die Calle Pasteur im Stadtteil Once von Buenos Aires ist keine Prachtstraße. Es gibt viele kleine Geschäfte, für billige Kleidung und billigen Schmuck, mit Zubehör für Mobiltelefone und anderen Dingen des täglichen Bedarfs. Frühmorgens kommen die Obst- und Gemüselieferanten mit ihren Lastwagen vom Großmarkt und laden ihre Ware auf den Bürgersteigen ab, die soeben noch von den Ladenbesitzern mit dem Wasserschlauch sauber gespritzt wurden. Ratternd werden die Metallverschläge der Geschäfte und Imbiss-Restaurants hochgezogen. In den Nischen zwischen den Häusern schlafen noch die Obdachlosen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Ein Abschnitt der Calle Pasteur, zwischen den Verkehrsadern Corrientes und Córdoba, ist ein wenig grüner als die anderen. Dort wurden vor 15 Jahren viele Bäume gepflanzt. Nicht alle der 85 Setzlinge haben sich gut entwickelt, manche sind schon abgestorben, andere kämpfen erkennbar, um genug Sonne in der engen Einbahnstraße und genug Wasser unter dem Bürgersteigpflaster abzubekommen. Die Bäume wurden 1999 gepflanzt, aus Anlass des fünften Jahrestags des Anschlags auf das jüdische Gemeindezentrum in der Calle Pasteur 633 vom 18. Juli 1994 mit 85 Toten und mehr als 300 Verletzten. Vor jedem der Bäume steht auf einem Betonsockel eine kleine schwarze Gedenkplatte, versehen jeweils mit dem Namen eines Opfers und dem immer gleichen Datum: 18.7.1994.

          Bis heute nicht aufgeklärt

          Mit den Ermordeten starb damals auch der mutmaßliche Selbstmordattentäter, dessen Identität erst zehn Jahre nach dem Anschlag durch DNA-Analysen aufgeklärt werden konnte. Danach hat der seinerzeit 21 Jahre alte Libanese Ibrahim Hussein Berro, der im Auftrag der schiitischen Terrororganisation Hizbullah gehandelt haben soll, den mit Sprengstoff beladenen Renault-Lieferwagen vor dem Gebäude der „Asociación Mutual Israelita Argentina“ (Amia) zur Explosion gebracht. Für Berro gibt es in dessen Heimatdorf im Südlibanon eine Gedenkplakette, versehen mit Lobpreis für dessen „Märtyrertod“ und einem Datum: 18.7.1994.

          Doch aufgeklärt ist das Verbrechen, eines der blutigsten antisemitischen Attentate außerhalb Israels seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, bis heute nicht. Es gab zwar immer wieder Anklagen, zunächst gegen argentinische Verschwörer mit vorgeblich rassistischen Motiven; doch der Prozess endete nach skandalösen Vorgängen im September 2004 mit Freisprüchen für alle Angeklagten aus Mangel an Beweisen. 2013 wurden dann sechs ranghohe Funktionäre des schiitischen Mullah-Regimes in Iran angeklagt und von Interpol zur Festnahme ausgeschrieben, weil sie als Hintermänner des Anschlages der gleichfalls schiitischen Hizbullah gelten; Teheran weist die Vorwürfe kategorisch zurück. Auch von einer Spur, die nach Syrien zum damaligen Präsidenten Hafiz al Assad (1930 bis 2000) führen soll, ist mitunter die Rede. Mit Assad stand der frühere argentinische Präsident Carlos Menem, der von 1989 bis 1999 regierte und dessen Vorfahren Einwanderer aus Syrien sind, in engem Kontakt. Der inzwischen 84 Jahre alte Menem ist heute Senator, genießt mithin parlamentarische Immunität und will mit Ermittlungen zum Amia-Anschlag nichts zu tun haben.

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