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Anschläge im Libanon : Ein Land im permanenten Stresstest

Nach dem Doppelanschlag, bei dem mehr als 40 Menschen getötet wurden, herrschte am Freitag in Beirut Entsetzen Bild: Reuters

Nach dem blutigsten Terrorangriff in Beirut der vergangenen Jahre sucht man im Libanon nach den Schuldigen. Der Doppelanschlag nährt die Sorge, dschihadistische Gruppen könnten eine neue Welle der Gewalt provozieren.

          Für manchen standen die Schuldigen schnell fest. Es waren nur etwas mehr als zwei Stunden nach den Detonationen vergangen, da meldeten Augenzeugen Angriffe auf Palästinenser und Syrer. Nach einer langen Zeit waren die schiitischen Vorstädte im Süden von Beirut, Dahiyeh genannt, wieder Ziel sunnitischer Extremisten geworden.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Es war der blutigste Terrorangriff der vergangenen Jahre: Nach den jüngsten Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums gab es 43 Tote und hunderte Verletzte, als in dem als Hochburg der schiitischen Hizbullah geltenden Viertel Bourdsch al Baradschneh während der Rush Hour am frühen Abend zwei Selbstmordattentäter in kurzer Folge ihre Sprengsätze zündeten. Nach Augenzeugenberichten wartete der zweite Terrorist ab, bis sich nach der ersten Explosion Helfer zum Anschlagsort geeilt waren.

          Flüchtlingslager abgeriegelt

          In der Nähe der belebten, engen Straße, in der sich die Dschihadisten inmitten einer Menschenmenge in die Luft sprengten, liegt ein palästinensisches Flüchtlingslager. In den Lagern hatten sich in der Vergangenheit immer wieder Zellen sunnitischer Extremisten eingenistet. Das Lager würde jetzt abgeriegelt, schwor ein Hizbullah-Milizionär in den Stunden nach dem Anschlag gegenüber der örtlichen Presse.

          Die schiitische Truppe errichtete umgehend Kontrollpunkte und Barrieren um den Anschlagsort. Es gebe keine andere Möglichkeit, als dass die Terroristen aus dieser Gegend gekommen seien. „Ich will, dass die Menschen dort Angst haben“, sagte demnach ein anderer Bewaffneter, der blutige Rache schwor. Auch die Syrer, die vor dem Krieg in ihrer Heimat in den Libanon geflohen sind, sind mehrheitlich Sunniten, und sie sind immer wieder mit Ressentiments und Verdächtigungen konfrontiert.

          Die neuerlichen Anschläge nähren die Angst im Land, dass dschihadistische Gruppen den Libanon mit einer neuen Welle der Gewalt überziehen könnten

          In Beirut herrscht die stete Sorge, dschihadistische Gruppen könnten die fragile Ruhe mit solchen Angriffen gefährden und neue Gewalt im Libanon provozieren - sei es zwischen Sunniten und Schiiten oder Übergriffe auf Syrer und Palästinenser. Der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien unterzieht den Libanon einem permanenten Stresstest.

          Es war lange relativ ruhig geblieben. Im Juni vergangenen Jahres hatte es zuletzt eine Bombenexplosion in der libanesischen Hauptstadt gegeben. Es ist von einem Pakt der Mächtigen die Rede, das Land nicht ins Chaos abgleiten zu lassen. Die Geheimdienste des Staates und der Hizbullah kooperierten und konnten mehrere Anschläge vereiteln. Zuletzt wurde am Mittwoch in der nordlibanesischen Stadt Tripolis ein Mann mit einem Sprengstoffgürtel gefasst. In den schiitischen Vierteln dürfte der Anschlag die Sorge befeuern, es könnte wieder eine andauernde Serie von Anschlägen geben, wie sie die schiitischen Vorstädte in den Jahren 2013 und 2014 erschüttert hatte.

          Am Donnerstagabend tönten die unter dem Banner von Al Qaida operierenden Abdullah-Azzam-Brigaden, so lange Dahiyeh Mörder und Kriminelle nach Syrien schicke, werde es mit Blut bedeckt werden. Es war eine neuerliche Kampfansage an die Hizbullah, die eine wichtige Stütze des Assad-Regimes ist. In den vergangenen Wochen waren Hizbullah-Milizionäre maßgebliche der Gegenoffensiven der Armee von Gewaltherrscher Baschar al Assad. Ein hoher Hizbullah-Funktionär sprach von einem „teuflischen Anschlag“. Die Organisation zeigte sich aber entschlossen, ihren Kampf fortzusetzen. Die Hizbullah schließe nicht aus, dass der „Islamische Staat“ (IS) hinter dem Anschlag steckt, sagte einer ihrer Führer am Anschlagsort.

          Trauertag im ganzen Land

          Der IS hatte am Donnerstagabend verkündet, die „Soldaten des Kalifats“, zwei Palästinenser und ein Syrer, hätten den Anschlag verübt. In einer im Namen des IS im Internet verbreiteten Erklärung war von einem mit Sprengstoff präparierten Motorrad die Rede. Die Armee teilte hingegen mit, zwei Terroristen mit Sprengstoffwesten hätten den Angriff geführt, ein dritter Mann sei getötet worden, ohne dass er seinen Sprengsatz zünden konnte. Am Freitag blieb es zunächst ruhig. Die Regierung rief einen Trauertag aus, die Schulen blieben geschlossen. Forensiker untersuchten den Tatort.

          Die Führer der zerstrittenen politischen Klasse des Landes forderten, das Land möge sich der terroristischen Bedrohung geeint entgegenstellen. Saad Hariri, der treue Gefolgsmann Saudi-Arabiens, äußerte Trauer über die getöteten Zivilisten, unter denen zahlreiche Anhänger der mit Iran verbündeten Hizbullah sein dürften. Ministerpräsident Tammam Salam sprach von einem „feigen und kriminellen Akt“ und rief abermals alle Kräfte auf, die Machtkämpfe zu beenden und die politische Ausnahmesituation des Landes zu lösen.

          Nabih Berri, der Chef des wegen des Streites nur in Ausnahmefällen tagenden  Parlaments sagte, die Terroristen wollten den Libanon lähmen, aber das werde ihnen nicht gelingen.  Er hatte eine Sitzung der Abgeordneten, die erste legislative in diesem Jahr, wegen des Anschlags kurz unterbrochen und dann einen im Libanon derzeit sehr seltenen Vorgang fortsetzen lassen: die Billigung neuer Gesetze.

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