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China stoppt NBA-Übertragung : Gut organisierte Zornesausbrüche

NBA Store in Beijing: Mit einem unterstützenden Tweet für die Hongkong-Proteste hatte der Manager der Houston Rockets für Unmut in China gesorgt. Bild: Reuters

Wegen eines Pro-Hongkong-Tweets droht China, vorerst keine NBA-Spiele mehr zu übertragen. Damit verliert die Liga nicht nur Zugang zu mehreren hundert Millionen Fans, sondern auch die entsprechenden Einnahmen – die NBA knickt trotzdem nicht ein.

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          Bei dem Versuch, sich die amerikanische Basketball-Profiliga und damit ein Symbol des American Way of Life gefügig zu machen, hat sich China offensichtlich übernommen. Der Chef der Liga, Adam Silver, stellte am Dienstag klar, dass die NBA weder den Spielern noch Mitarbeitern oder Besitzern der Vereine den Mund verbieten werde. Damit ließ Silver die Ankündigung des chinesischen Staatsfernsehens CCTV an sich abprallen, vorerst keine weiteren Spiele der amerikanischen Basketball-Profis mehr zu übertragen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Mitteilung von CCTV kam am Dienstag einer Drohung gleich, der Liga den Zugang zu mehreren hundert Millionen Fans zu entziehen – und damit zu entsprechenden Einnahmen. Silver stand vor einer Gratwanderung zwischen den gegensätzlichen Erwartungen der beiden wichtigsten Fangemeinden der NBA: in China und in Amerika.

          Begonnen hatte alles mit einem Twitter-Eintrag des Managers der Houston Rockets. Daryl Morey hatte dort am Freitag ein Bild mit dem Slogan „Kämpft für Freiheit, unterstützt Hongkong“ verbreitet. Innerhalb weniger Tage wurde daraus ein globales Armdrücken um das Recht auf Meinungsfreiheit. Erst nahm China nur die Houston Rockets ins Visier: Fan-Artikel verschwanden aus dem Handel, Sponsorenverträge wurden gekündigt, Streaming-Anbieter und das Staatsfernsehen kippten die Ausstrahlung der Spiele.

          Aufgebrachte Internetnutzer und womöglich auch solche im Staatsauftrag richteten ihren Zorn gegen den Verein. Am Dienstag dann weitete China seinen Bannstrahl auf die gesamte Profiliga aus. CCTV begründete die Entscheidung, die Übertragung aller NBA-Spiele vorerst einzustellen, damit, dass Liga-Chef Silver „unzulässige Bemerkungen“ Moreys „unterstützt“ habe. Also den Hongkong-Slogan.

          Dabei hatte der NBA-Chef in einem Interview lediglich das Recht des Houston-Rockets-Managers verteidigt, seine Meinung zu äußern. Das tat er, nachdem die NBA sich in Amerika mit dem Vorwurf konfrontiert sah, vor China zu kuschen. Auch mehrere Kongressabgeordnete äußerten sich in diesem Sinne.

          „Werte wie Gleichheit, Respekt und Meinungsfreiheit machen die NBA aus“

          Wäre es nach Peking gegangen, dann hätte die Liga den Rockets-Manager abstrafen müssen. Doch damit hätte Liga-Chef Silver den Ruf der NBA in Amerika aufs Spiel gesetzt – und auch seinen eigenen. „Es wäre Selbstmord gewesen“, sagt der in Peking lebende Sportkommentator Mark Dreyer. Silver habe sich einen Namen als jemand gemacht, der Spieler dabei unterstützt, zu politischen und sozialen Themen Stellung zu beziehen.

          Entsprechend deutlich fiel Silvers Klarstellung am Dienstag aus. „Werte wie Gleichheit, Respekt und Meinungsfreiheit machen die NBA seit langem aus – und werden es auch weiterhin tun.“ Es sei unvermeidlich, dass die Menschen in den Ländern, in denen die Liga geschäftlich tätig sei, unterschiedliche Meinungen hätten. „Es ist nicht die Rolle der NBA, diese Unterschiede zu beurteilen“, so Silver.

          „Global Times“ fordert Maulkorb für Mitarbeiter 

          Chinas Parteimedien sahen das naturgemäß anders. „Wir glauben, dass jede Äußerung, die die nationale Souveränität und soziale Stabilität in Frage stellt, sich außerhalb der Meinungsfreiheit bewegt“, äußerte das Staatsfernsehen. Das Partei-Sprachrohr „Volkszeitung“ machte deutlich, dass Chinas Vorgehen nicht nur den Houston Rockets galt, sondern als Warnung an alle zu verstehen war, die mit China Geschäfte machen wollen: „Leute wie Morey sollten begreifen, dass es nicht möglich ist, die Vorteile des chinesischen Marktes zu genießen und gleichzeitig die roten Linien des Landes zu überschreiten.“

          Die „Global Times“ forderte offen einen Maulkorb für Mitarbeiter: Körperschaften, die „kommerzielle Interessen“ haben, „müssen ihre Mitarbeiter dazu bringen, sich vorsichtig zu äußern“. Wie weit das gehen kann, hatte zuletzt die Fluggesellschaft Cathay Pacific erlebt. Sie wurde von Peking gezwungen, Mitarbeiter zu entlassen, die auf Facebook ihre Unterstützung für die Protestbewegung in Hongkong geäußert hatten.

          Rockets-Manager wird online mit chinesischem Fluch bedacht 

          Zugleich bemühte sich Peking, den Eindruck zu vermitteln, dass der Druck auf die NBA eigentlich aus dem Volk komme. „Ich schlage vor, Sie beachten die Reaktion und Meinung der einfachen chinesischen Leute in dieser Angelegenheit“, sagte der Sprecher des Außenministeriums. Ganz unberechtigt ist das nicht. In der chinesischen Öffentlichkeit gibt es wenig Sympathien für die Proteste in Hongkong, was auch daran liegt, dass die Demonstranten in den gelenkten Medien als Extremisten ohne öffentliche Unterstützung dargestellt werden.

          Ebenso verbreitet ist die Ansicht, westliche Konzerne müssten Rücksicht auf chinesische Befindlichkeiten nehmen, wenn sie Geld in China verdienen wollten. Der NBA-Star James Harden machte vor, wie das geht: „Wir entschuldigen uns. Wir lieben China“, sagte er.

          Nicht alle Zornesausbrüche auf Twitter stammten aber offenbar von einfachen Basketball-Fans. Ein chinesischer Datenanalyst, der seine Erkenntnisse auf Twitter unter dem Namen „Air moving device“ veröffentlicht, untersuchte 5800 Konten, in denen der Rockets-Manager mit dem chinesischen Fluch „Deine Mutter ist gestorben“ bedacht wurde. Die meisten Konten wurden demnach erst vor kurzem erstellt und wiesen zuvor kaum Aktivität auf. Und auch Peking ist bei aller Vaterlandsliebe in der Bevölkerung nicht davor gefeit, den Zorn der Fans auf sich zu ziehen. „Langfristig werden die Leute weiter Basketball gucken wollen“, sagt Sport-Kommentator Dreyer. „Es gibt keine wirkliche Alternative zur NBA.“ Die schwache chinesische Liga ist es ganz sicher nicht.

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