https://www.faz.net/-gpf-a28g0

Chicago : Plünderer verwüsten Geschäfte

Ein verwüstetes Geschäft in Chicago Bild: AP

Aufgebrachte Amerikaner schlugen in Chicago Fenster ein und brachen Geschäfte auf. Zuvor waren Schüsse bei einem Polizeieinsatz in einem Viertel gefallen, in dem viele Schwarze leben.

          2 Min.

          Hunderte Personen haben am frühen Montagmorgen in der Innenstadt von Chicago Scheiben eingeschlagen, Geschäfte aufgebrochen und ausgeplündert. Anlass für die Plünderungen war offenbar eine Schießerei in der South Side, einem von Chicagos armen, überwiegend von Schwarzen bewohnten Viertel. Nach Polizeiangaben hatte ein junger Mann dort auf einen Polizisten geschossen und war selbst schwer verletzt worden, als Beamte das Feuer erwiderten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Nach Erkenntnissen der Polizei wurde danach in einem Beitrag in sozialen Medien dazu aufgerufen, einen Protestzug in die Geschäftsstraßen der Innenstadt zu unternehmen. Auf Facebook kursierte ein Video, das fälschlich angab, die Polizei habe einen 15 Jahre alten Jungen erschossen. Chicagos Polizei versuchte nach eigener Darstellung mit 400 zusätzlichen in dem Viertel postierten Beamten und einer Teilsperrung der Innenstadt den Plündereien und gewaltsamen Protesten Einhalt zu gebieten. Einige Geschäfte wurden zum zweiten Mal binnen weniger Monate verwüstet.

          Feuer auf Polizisten

          Am Rande von Protesten gegen Polizistengewalt wegen des Todes von George Floyd im Mai war es schon einmal zu einer Welle von Plünderungen gekommen. Auf aktuellen, über soziale Medien verbreiteten Videos ist zu sehen, wie Plünderer einen Apple Store ausräumen und einen Tesla-Schauraum verwüsten. In anderen, schwer zu verifizierenden Filmen wird gezeigt, wie Leute ohne Hast Ware aus aufgebrochenen Geschäften heraustragen und in ihr Auto laden.

          Die Polizei hat nach eigenen Angaben 100 Personen festgenommen, 13 Beamte seien verletzt worden. Als Polizisten einen Mann festnehmen wollten, der mit einer Ladenkasse davonlief, wurde auf sie aus einem Auto heraus das Feuer eröffnet. So berichtet es zumindest der Polizeipräsident David Brown. Er wies auf einer Pressekonferenz die Darstellung zurück, die Plünderungen seien Teil eines organisierten Protestes. Er sprach von „purer Kriminalität“.

          Bürgermeisterin unter Druck

          Die demokratische Bürgermeisterin von Chicago, Lori Lightfood, nannte die Verwüstungen einen Gewaltakt gegen die Stadt. Lightfood kommt unterdessen von zwei Seiten unter Druck: Eine Gruppe der „Black Lives Matter“-Bewegung demonstrierte am Montag vor einem Polizeirevier gegen die Festnahmen.

          In einer Stellungnahme, welche die Lokalzeitung „Chicago Sun“ veröffentlichte, heißt es, die Bürgermeisterin habe „offenbar gar nichts gelernt seit Mai“. Die Leute würden sich weiter erheben, bis die Polizei von Chicago abgeschafft sei und in die schwarze Gemeinde investiert würde. Geschäftsleute wiederum äußerten den Verdacht, dass die Plünderungen vom Mai nicht geahndet worden seien und damit einen Anreiz zu neuen Ausschreitungen lieferten.

          Die Bürgermeisterin und die Staatsanwaltschaft widersprachen der Darstellung vehement. Die Fälle würden vor Gericht gebracht. Die Polizei verfüge über umfangreiches Videomaterial, das helfe, Täter zu identifizieren. Zeugen können Smartphone-Filme auf einer Plattform der Polizei hochladen und damit die Ermittlungen unterstützen.

          105 Morde in einem Monat

          Chicago ist seit Wochen in den Schlagzeilen amerikanischer Medien wegen der stark angestiegenen Zahl von Morden. Im Juli hatte die Stadt mehr Morde verzeichnet als je zuvor in einem Monat. 105 Mordfälle registrieren die Ermittler, mehr als doppelt so viele wie im Vergleichsmonat des Vorjahres. Präsident Donald Trump hatte bereits häufiger eine aus seiner Sicht unzureichende Bekämpfung der Gewalt kritisiert und mehr Bundesbeamte nach Chicago versetzt.

          Schwere Unruhen hatten sich auch in Portland im Bundesstaat Oregon ereignet. Dort versuchten Personen am Sonntag, ein Gebäude der Polizeigewerkschaft in Brand zu setzen. Präsident Trump sagte am Montag, die Stadt sei außer Kontrolle. Die Nationalgarde müsse geholt werden, um Ordnung zu schaffen. Der Bürgermeister und der Gouverneur des Bundesstaates gefährdeten das Leben von Bürgern, wenn sie nicht Hilfe herbeiriefen.

          Weitere Themen

          Tag der Entscheidung in NRW

          Zweite Runde der Kommunalwahl : Tag der Entscheidung in NRW

          Gelingt es den nordrhein-westfälischen Grünen, erstmals einen Oberbürgermeister zu stellen? Gewinnt der CDU-Kandidat in Düsseldorf und beendet so das Großstadttrauma seiner Partei? Ein Überblick über die spannendsten Stichentscheide.

          Söder nimmt junge Menschen in die Pflicht Video-Seite öffnen

          Bei Corona-Bekämpfung : Söder nimmt junge Menschen in die Pflicht

          Angesichts steigender Corona-Infektionszahlen appelliert Bayerns Ministerpräsident Söder abermals an die Bürger. Vor allem jüngere Menschen dürften mit ihrem Freizeitverhalten nicht das Leben und die Gesundheit ihrer Mitmenschen aufs Spiel setzen, sagte er.

          Die Basis frohlockt

          Trumps Kandidatin Barrett : Die Basis frohlockt

          Die Aussicht auf eine dauerhafte rechte Mehrheit am Obersten Gericht lässt wertkonservative Wähler Trumps Frivolitäten vergessen. Seine Personalentscheidungen werden die Gesellschaft auf Jahre prägen – selbst wenn er die Wahl verliert.

          Topmeldungen

          Nominierung für Supreme Court : Sie ist Trumps neuer Trumpf

          Donald Trump steht kurz davor, eines seiner wichtigsten Versprechen an die Republikaner einzulösen. Mit einer konservativen Richterin Amy Coney Barrett am Obersten Gericht könnten sich die schlimmsten Befürchtungen der Demokraten bewahrheiten.

          Biden über Trump : „Er ist so in etwa wie Goebbels“

          Der Ton im Präsidentschaftswahlkampf ist rau – und wird noch unversöhnlicher: Joe Biden bezichtigt Trump der Lüge und stellt einen schwierigen historischen Vergleich her. Der Amtsinhaber ist nicht weniger zimperlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.