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Nach mehr als 800 Tagen : Iran entlässt Australierin aus der Haft

Kylie Moore-Gilbert war in Iran 2018 zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt worden Bild: Reuters

Die Islamwissenschaftlerin Kylie Moore-Gilbert wurde in Iran wegen Spionage zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Jetzt ist sie freigekommen – im Rahmen eines Gefangenenaustauschs?

          3 Min.

          Mehr als 800 Tage hatte die australische Islamwissenschaftlerin Kylie Moore-Gilbert in einer iranischen Zelle verbracht. Nun zeigte sie sich erleichtert, dass ihr „langer und traumatischer Leidensweg“ ein Ende hat, wie die 33 Jahre alte Australierin am Donnerstag  in einer an die Presse verteilten Erklärung mitteilte. Die Islamwissenschaftlerin und Dozentin der Universität Melbourne war im September 2018 nach ihrer Teilnahme an einer wissenschaftlichen Konferenz in Iran verhaftet worden. Ein Gericht verurteilte sie zu zehn Jahren Haft wegen angeblicher Spionage für Israel und Gefährdung der nationalen Sicherheit. Die australische Regierung hatte sich seither um ihre Freilassung bemüht. Premierminister Scott Morrison sprach von „der Ungerechtigkeit ihrer Haft und Verurteilung“, die Australien immer zurückgewiesen habe. Die Freilassung der Australierin, die auch einen britischen Pass besitzt, bezeichnete er als „Wunder“. „Ich bin hocherfreut, dass sie nach Hause kommt“, sagte Morrison.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Regierung in Canberra wollte keine Angaben darüber machen, wie die Freilassung der Wissenschaftlerin zustande gekommen ist. Medienberichten zufolge soll es einen Gefangenenaustausch gegeben haben. Im Gegenzug seien drei Iraner in ihre Heimat zurückgeschickt worden, die wegen eines missglückten Bombenanschlags auf israelische Diplomaten im Jahr 2012 in einem Gefängnis in Thailand gesessen hatten. „Wenn andere Leute an anderen Orten freigelassen wurden, dann sind das die Entscheidungen souveräner Regierungen“, sagte Morrison am Donnerstag. Es habe keine Entlassungen von Personen aus australischer Haft gegeben. Weitere Details sollten nicht öffentlich gemacht werden. Dies sei weder im Interesse Australiens noch im Interesse der Sicherheit anderer Australier, die sich mitunter in einer solchen Situation wiederfinden könnten, sagte Morrison.

          Damit will sich die Regierung in Canberra wohl auch vor der Kritik schützen, sie leiste einer „Geiseldiplomatie“ Vorschub. Derzeit sitzen auch noch andere Australier unter zweifelhaften Umständen in ausländischen Gefängnissen, darunter etwa in China. Morrison gestand ein, dass derartige Vereinbarungen zur Freilassung australischer Staatsbürger sehr schwierig und komplex seien. Moor-Gilbert sei eine außergewöhnlich intelligente, starke und mutige Frau, sagte Morrison. „Sie ist eine erstaunliche Australierin, die eine Tortur erlebt hat, die wir uns kaum vorstellen können.“ Angesichts ihrer zweijährigen Haft in einem iranischen Gefängnis habe sie sich erstaunlich gut angehört, so Morrison, der am Donnerstagmorgen mit Moore-Gilbert telefoniert hatte.

          Lange Zeit in Isolation

          Dem Premier zufolge dürfte die Rückkehr nach Australien „ein harter Übergang“ für die Islamwissenschaftlerin werden. Moore-Gilbert hatte lange Zeit in Isolation verbracht und war zwischenzeitlich in einen Hungerstreik getreten. In Briefen, die aus dem Gefängnis geschmuggelt worden waren, hatte sie sich besorgt über ihren psychischen Zustand geäußert. Außerdem berichtete sie, dass sie ein Angebot Irans, als Spionin tätig zu sein, abgelehnt habe. „Ich bin keine Spionin. Ich war nie eine Spionin und ich habe kein Interesse, für eine Spionageorganisation irgendeines Landes zu arbeiten“, schrieb sie Berichten der britischen Presse zufolge. Trotz ihrer Erlebnisse zeigte sich die Islamwissenschaftlerin in ihrer ersten Stellungnahme versöhnlich gegenüber Iran. „Ich habe nichts als Respekt, Liebe und Bewunderung für die große Nation Iran und ihre warmherzigen, großzügigen und mutigen Menschen. Mit bittersüßen Gefühlen verlasse ich das Land, trotz der Ungerechtigkeiten, denen ich ausgesetzt war“, sagte sie laut der Mitteilung.

          Drei iranische Gefangene im Gegenzug entlassen?

          Der staatliche iranischen Fernsehsender Irib hatte Aufnahmen gezeigt, auf der Moore-Gilbert mit einem dunkelgrauen Kopftuch zu sehen war. Außerdem wurden drei Männer gezeigt, die offenbar von Funktionären empfangen wurden. Einer von ihnen saß in einem Rollstuhl. Nach Angaben von Nachrichtenagenturen handelt es sich bei den im Austausch in Thailand Freigelassenen um die Iraner Saeid Moradi, Mohammed Khasaei und Masoud Sedaghat Sade. Moradi hatte bei der Flucht nach dem missglückten Anschlagsversuch bei einer Explosion beide Beine verloren. Moradi und Khasaei waren im Jahr 2013 wegen des versuchten Mordes an einem Polizisten und dem Besitz von Sprengstoff verurteilt worden. Masoud Sedaghat Sade war kurz nach dem Anschlagsversuch in Malaysia festgenommen und später nach Thailand ausgeliefert worden.

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