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Nach Freitagsgebeten : Tote bei antiwestlichen Protesten in Pakistan

  • Aktualisiert am

Tage des Zorns: In Pakistan entlädt sich bei antiwestlichen Krawallen brutale Gewalt Bild: AFP

Bei neuerlichen Protesten gegen den islamfeindlichen Film hat es in Pakistan Tote gegeben. Mehrere westliche Staaten haben aus Furcht vor Ausschreitungen ihre Botschaften in islamischen Ländern geschlossen. In Deutschland verlief eine Protestkundgebung friedlich.

          In Pakistan ist es bei antiwestlichen Protesten am Freitag zu Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften gekommen. Nach ersten Meldungen wurden dabei mindestens 15 Menschen getötet und mehr als 160 verletzt. Ansonsten verliefen die weltweiten Proteste gegen die von der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ veröffentlichten Mohammed-Karikaturen und einen in den Vereinigten Staaten produzierten islamfeindlichen Film am Freitag friedlicher als erwartet. In vielen Ländern wurden amerikanische Fahnen verbrannt.

          Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen, Demonstrationsverbote und Aufrufe zur Mäßigung durch muslimische Vorbeter verhinderten offenbar eine weitere Eskalation des Konflikts. In mehr als zwanzig muslimisch geprägten Staaten blieben französische Botschaften, Schulen und kulturelle Einrichtungen am Freitag geschlossen. In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad setzte die Polizei Tränengas und Gummigeschosse gegen Demonstranten ein, die sich im Diplomatenviertel der amerikanischen Botschaft genähert hatten.

          Der pakistanische Ministerpräsident Raja Pervaz Ashraf forderte die internationale Gemeinschaft dazu auf, Gesetze gegen die Beleidigung des Propheten zu erlassen. Seine Regierung hatte den Freitag zu einem gesetzlichen Feiertag erklärt, damit die Menschen gegen den im Internet veröffentlichten Film „Unschuld der Muslime“ auf die Straße gehen konnten. Um die Sprengung von Bomben durch Handys zu verhindern, waren die Mobilfunknetze in vielen pakistanischen Städten gesperrt worden, teilte das Innenministerium mit.

          Die antiwestlichen Proteste fordern mindestens 16 Todesopfer

          In mehreren Werbefilmen, die am Freitag im pakistanischen Fernsehen ausgestrahlt wurden, distanzieren sich der amerikanische Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton von dem islamfeindlichen Film und betonen die Achtung für alle Religionen in den Vereinigten Staaten. Der Werbefilm, der in sieben Sendern gezeigt wurde, ist ein Zusammenschnitt von öffentlichen Auftritten der beiden Politiker und wurde in Urdu untertitelt. Unterdessen bestellte die pakistanische Regierung am Freitag den amerikanischen Botschafter ein.

          Wie das staatliche pakistanische Fernsehen berichtete, übergab die Regierung in Islamabad Botschafter Richard Hoagland ein Schreiben, in dem Washington zum Handeln gegen die Produzenten des „frevelhaften Films“ über den Propheten Mohammed aufgefordert wird. Zudem solle sich Washington dafür einsetzen, dass der 14 Minuten lange Film von der Internet-Videoplattform Youtube gelöscht werde.

          Ghannouchi kritisiert Salafisten

          Auch in Sri Lanka, Malaysia, Bangladesch und Nigeria demonstrierten Tausende gegen dem Film „Unschuld der Muslime“. In Teheran protestierten 100 Menschen vor der französischen Botschaft gegen die Mohammed-Karikaturen, im irakischen Basra 3000, wie Agenturen berichteten. Irans Präsident Mahmud Ahmadineschad bezeichnete die Karikaturen und den Film am Freitag als „hässlichste Beleidigung des göttlichen Boten“ Mohammed. Seit Beginn der Proteste gegen den Film sind seit vergangener Woche mehr als dreißig Menschen getötet worden. Das Auswärtige Amt reagierte mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen an vielen Botschaften in muslimisch geprägten Ländern.

          Im Libanon protestierten am Freitag Muslime in mehreren Städten gegen den Film und die Karikaturen. In der ägyptischen Hauptstadt Kairo blieb es nach dem Freitagsgebet ruhig. Der Großmufti des Landes, Ali Gomaa, hatte die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen kritisiert, Gläubige aber dazu aufgerufen, sich ein Beispiel am Propheten Mohammed zu nehmen. Dieser habe „alle persönlichen Beleidigungen und Angriffe ohne Vergeltung ertragen“. So sollten Muslime auch auf die jüngsten Vorkommnisse reagieren. In den Tagen zuvor waren die Sicherheitsvorkehrungen vor der deutschen und der französischen Botschaft in Kairo verschärft worden. Der Zugang zur amerikanischen Vertretung ist seit dem Wochenende von Polizeieinheiten versperrt, nachdem sich Demonstranten zuvor mehrere Tage lang Straßenschlachten mit Sicherheitskräften geliefert hatten. Die wichtigsten islamistischen Gruppierungen des Landes, die Muslimbruderschaft sowie die salafistische Nur-Partei, hatten von Protestaufrufen abgesehen.

          Auch in der tunesischen Hauptstadt Tunis, wo bei Protesten vor der amerikanischen Botschaft und einer amerikanischen Schule vergangene Woche vier Menschen getötet wurden, blieb es am Freitag weitgehend ruhig. Das Innenministerium in Tunis hatte zuvor Demonstrationen gegen den Film verboten. Der Chef der in Tunesien regierenden islamistischen Ennahda-Partei, Raschid Ghannouchi, sagte der Nachrichtenagentur AFP, dass er weitere Gewaltausbrüche befürchte. Die tunesische Polizei habe jedoch „ihre Lektion gelernt“, sodass sich Angriffe wie auf die amerikanische Botschaft nicht wiederholen würden. Ghannouchi äußerte sich kritisch über die Salafisten seines Landes, die „eine Gefahr nicht nur für Ennahda, sondern für die öffentlichen Freiheiten im Land und für seine Sicherheit“ darstellten. Daher gehe seine Partei nach geltendem Recht entschieden gegen die Extremisten vor.

          Die Protestwelle erreicht Deutschland. In Freiburg, Münster und Cuxhaven gehen Demonstranten friedlich auf die Straße

          Proteste auch in Deutschland

          In Freiburg nahmen am Freitagnachmittag etwa 300 Demonstranten an einer Kundgebung gegen den in den Vereinigten Staaten produzierten Mohammed-Film teil. Die Demonstranten, darunter auch viele Kinder, versammelten sich am Karlsplatz und marschierten durch die Innenstadt. Sie trugen Plakate auf denen „Die Würde des Propheten Mohamed ist unsere Würde“ oder „Schmähvideo verbieten - Wahrheit bieten“ oder „Christen und Muslime gegen Blasphemie“ zu lesen war. „Das ist bislang eine friedliche Demonstration“, sagte eine Sprecherin der Stadt Freiburg am Nachmittag. Der Anmelder der Veranstaltung war ein im Libanon geborener Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft, der seit 22 Jahren in Deutschland lebt. „Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es jemand anderes gemacht“, sagte er der „Badischen Zeitung“.

          Der Organisator bestritt, Kontakte zur Hizbullah-Bewegung zu haben. Er ist Mitglied einer muslimischen Gemeinde im Freiburger Stadtteil Hochdorf. Die evangelische Kirche in Freiburg hatte überlegt, sich offiziell an der Demonstration zu beteiligen. Es war aber nicht gelungen, rechtzeitig mit dem Organisator in Kontakt zu treten. Einzelne Christen liefen bei der Demonstration mit. Der Prädikant der badischen Landeskirche, York Hilger, sagte, er wolle seine Solidarität zum Ausdruck bringen: „Ich kann nicht verstehen, wie es möglich ist, dass etwas, was Menschen heilig ist, so in den Schmutz gezogen wird.“ Am späten Freitagnachmittag wollten auch in Münster und Hannover Demonstranten gegen den Film auf die Straße gehen. Für Samstag sind Kundgebungen in Karlsruhe und Dortmund angekündigt, sowie für Sonntag in Hannover.

          Innenministerium bestreitet Prüfung

          Das Bundesinnenministerium hat am Freitag dem Eindruck widersprochen, die Behörde prüfe deutsche Publikationen darauf, ob sie islamfeindliche Äußerungen wiedergäben. Zu einer entsprechenden Meldung, die sich auf das Titelblatt der nächsten Nummer der Satirezeitschrift „Titanic“ bezog, sagte der Sprecher des Innenministeriums, Jens Teschke, es gebe keine solche „Überprüfungsfunktion“ seines Hauses. Es sei lediglich die Abteilung Öffentliche Sicherheit des Innenministeriums von ihm selbst und verschiedentlich von anderer Seite auf das „Titanic“-Titelblatt hingewiesen worden. Teschke sagte, nach Ansicht des Ministeriums könne gegen das amerikanische Video, welches den Anlass zu den aktuellen weltweiten muslimischen Protesten gegeben hatte, in Deutschland allenfalls auf der Grundlage des Blasphemie-Paragraphen 166 des Strafgesetzbuches vorgegangen werden.

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