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Nach Flugzeugabschuss : Ungläubiges Entsetzen in Kuala Lumpur

Trost nach bitteren Nachrichten: Angehörige von Passagieren des Fluges MH17 auf dem Flughafen von Kuala Lumpur Bild: REUTERS

Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr erleidet Malaysia Airlines eine Katastrophe. „Dies ist ein tragischer Tag in einem für Malaysia bereits tragischen Jahr“, sagt Ministerpräsident Razak, der auch persönlich betroffen ist.

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          Am internationalen Flughafen von Kuala Lumpur folgt auf den Absturz des Flugs MH17 ein fast gespenstisches Déjà-vu-Erlebnis. Immer mehr Angehörige der Opfer finden sich am Freitagmittag in dem blitzschnell wieder aufgebauten Hilfszentrum für Familien und Freunde in der Abflughalle ein.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Im Blitzlichtgewitter bahnen sich Frauen mit Kopftüchern, ältere Herren und Ehepaare mit kleinen Kindern einen Weg durch die Journalistentraube. Einige sind in Tränen aufgelöst, andere erscheinen starr und ungläubig. Es ist eine Ausnahmesituation, die Malaysia allerdings in weniger als einem halben Jahr nun schon zum zweiten Mal erlebt. Erst rund viereinhalb Monate ist es her, dass der Flug MH370 der Malaysia Airlines auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking spurlos verschwunden war.

          Planmäßig hätte Flug MH17 aus Amsterdam um 6.10 Uhr Ortszeit in Kuala Lumpur landen sollen. Doch da war längst klar, dass es nicht dazu kommen würde. Die Angehörigen erscheinen trotzdem, nicht um ihre Lieben abzuholen, sondern um Trost und Informationen zu suchen. „Dies ist ein tragischer Tag in einem für Malaysia bereits tragischen Jahr“, sagt der Ministerpräsident Najib Razak am Freitagmorgen in einer Stellungnahme. Die Gedanken und Gebete der Regierung seien bei den Familien und Freunden der 298 Menschen an Bord. Wie malaysische Medien später berichten, ist der Regierungschef persönlich betroffen. Unter den Opfern ist die frühere Ehefrau eines seiner Großväter.

          Vorwürfe an Minister und Fluggesellschaft

          Insgesamt waren nach Angaben von Verkehrsminister Liow Tiong Lai mindestens 44 Malaysier an Bord. Der Minister drückt bei einer Pressekonferenz sein Mitgefühl aus. Das schützt ihn aber nicht davor, dass er mehrfach von ausländischen Berichterstattern mit der Frage konfrontiert wird, ob es nicht ein Fehler gewesen sei, trotz des dortigen Konflikts weiter die Route über die Ostukraine zu nehmen. Im Internet wird auch gegen die Fluggesellschaft gewettert. Die mehrheitlich im Besitz eines Staatsfonds befindliche Fluggesellschaft Malaysia Airlines ist schwer angeschlagen. Schon vor dem neuen Unglück wurde darüber spekuliert, ob sie von der Regierung vor dem Bankrott gerettet werden muss.

          Auf Absprachen mit der internationalen Luftfahrtbehörde berufen: der malaysische Transportminister Minister Liow Tiong Lai (Mitte) am Freitag in Kuala Lumpur

          Malaysia Airlines ist durch die Konkurrenz von billigeren Anbietern wie AirAsia in Bedrängnis geraten. Zudem müssen noch die Kosten für die Entschädigungszahlungen an die MH370-Opfer geschultert werden. In den vergangenen drei Jahren hat Malaysia Airlines 4,57 Milliarden Malaysische Ringgit (1,06 Milliarden Euro) verloren. Im ersten Quartal dieses Jahres waren es allein 443 Millionen Ringgit (102 Millionen Euro) Verlust.

          Der Aktienkurs der Airline brach am Freitag stark ein. Unter den Mitarbeitern herrscht Unglauben. „Zuerst dachte ich, es kann nicht wahr sein“, sagt der 46 Jahre alte Hamid Hazim, der als Flugbegleiter bei der Fluglinie arbeitet. Er sei selbst auch schon auf der Strecke von Amsterdam nach Kuala Lumpur geflogen, kennt einige Besatzungsmitglieder auf MH17 persönlich. Über seinen Arbeitgeber sagt er, dass dieser schon seit längerem zu kämpfen habe.

          Anders als beim immer noch verschollenen Flug MH370 gebe es diesmal immerhin Gewissheit, sagt der Mann. Die beiden Katastrophen in so kurzen Abständen könnten die Malaysier allerdings in eine Art kollektives Trauma versetzen, sagt der Psychologe Hariyati Shahrima Abdul Majid dem Fernsehsender Astro Awani.

          Manche suchen nun nach einem Sinn. „Ich habe das Gefühl, dass wir etwas ändern müssen. Wir sind keine Gemeinschaft in diesem Land. Die Menschen sind so politisch und selbstbezogen“, sagt Noor Amiruddin, der seinen Sohn zum Flughafen bringt. Er erinnert daran, dass die Menschen im mehrheitlich muslimischen Malaysia in diesen Tagen den Fastenmonat Ramadan begehen. Sein Sohn Rezan Ansari würde das alles lieber wissenschaftlich betrachten, ist aber auch ratlos. „Warum wieder Malaysia Airlines? Die Wahrscheinlichkeit müsste doch extrem niedrig sein“, sagt er.

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