https://www.faz.net/-gpf-9va0f

Nach Flugzeugabschuss : Iran bittet Ukraine um Entschuldigung

  • Aktualisiert am

Irans Präsident Hassan Rohani, hier während eines Treffens mit der Familie des getöteten Generals Soleimani, hat sich bei dem Präsident der Ukraine für den Abschuss eines ukrainischen Flugzeugs entschuldigt. Bild: dpa

Hassan Rohani sicherte dem ukrainischen Präsidenten zu, die Verantwortlichen für den Flugzeugabschuss zur Rechenschaft zu ziehen. Kanadas Premier Trudeau forderte von Iran „vollständige Klarheit“ über den Vorfall.

          4 Min.

          Der iranische Präsident Hassan Rohani hat die Ukraine in einem Telefongespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj offiziell um Entschuldigung für den versehentlichen Abschuss eines Passagierflugzeugs gebeten. „Das Zugeben der ‚Raketenversion‘ als Ursache für die Katastrophe hat den Weg für die Fortsetzung der Ermittlungen ohne Verzögerungen und Behinderungen geöffnet“, sagte Selenskyj einer Mitteilung zufolge am Samstag.

          Auch Kanadas Premierminister Justin Trudeau bezeichnete das Bekenntnis Irans als „wichtigen Schritt“. In einem Telefongespräch mit Rohani forderte er nach eigenen Angaben aber auch, dass diesem Schritt noch „viele weitere“ folgen müssten. Er forderte von Teheran „vollständige Klarheit“ über den Abschuss des Flugzeugs, bei dem zahlreiche iranischstämmige Kanadier ums Leben kamen.

          Kanadische Ermittler sollen bald in Teheran eintreffen

          Trudeau kündigte an, dass in Kürze ein Team kanadischer Ermittler in Teheran erwartet werde. Die ersten kanadischen Fachleute sollten am späten Samstagabend in der iranischen Hauptstadt eintreffen und dort „eine Präsenz aufbauen, um die kanadischen Familien zu unterstützen“.

          Rohani versicherte dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj, dass alle Schuldigen für den Fehler des iranischen Militärs zur Verantwortung gezogen würden und mit juristischen Konsequenzen rechnen müssten. „Wir werden in jeder Hinsicht unsere juristischen Verpflichtungen einhalten“, teilte das iranische Präsidialamt mit.

          Laut Selenskyj sollen die sterblichen Überreste der Opfer bereits in der kommenden Woche in die Ukraine zurückgeführt werden. Teheran habe zugesichert, dies zu ermöglichen. Kiew werde an Teheran eine offizielle Note unter anderem mit Kompensationsforderungen senden, sagte der ukrainische Präsident.

          Am Samstag hatten die iranischen Revolutionswächter die Verantwortung für den Abschuss einer ukrainischen Passagiermaschine mit 176 Toten übernommen. Das Verkehrsflugzeug sei irrtümlich für einen Marschflugkörper gehalten und nach einer Kommunikationspanne abgeschossen worden, erklärte der Luftwaffenkommandeur der Revolutionswächter, Amirali Hadschisadeh, in einer im Fernsehen gesendeten Stellungnahme. Die Rakete der Flugabwehr sei am Mittwochmorgen neben dem Passagierflugzeug explodiert. Daraufhin sei dieses noch ein Stück weit geflogen und dann abgestürzt.

          Hadschisadeh gab den Vereinigten Staaten eine Mitschuld an dem Abschuss, da sie die Spannungen mit Iran verschärft hätten. Iran sei angesichts der amerikanischen Drohungen, 52 Ziele anzugreifen, in höchster Alarmbereitschaft gewesen und habe mit dem Ausbruch eines Krieges gerechnet. Als die ukrainische Passagiermaschine sich dann einer wichtigen Militäranlage genähert habe, sei sie als Bedrohung eingestuft worden.

          „Ich wünschte mir, selbst tot zu sein“

          Als er von dem Absturz des Passagierflugzeugs erfahren habe, habe er sich gewünscht, lieber „selbst tot zu sein, statt Zeuge dieses Unglücks“, sagte Hadschisadeh. Er verteidigte die zivile Luftfahrtbehörde, die den Abschuss geleugnet tagelang hatte. Sie treffe keine Schule, weil sie nichts über den Ablauf gewusst habe. Gleichzeitig merkte er an, dass es an jenem Abend angesichts der angespannten Lage eigentlich landesweit ein Flugverbot hätte geben müssen.

          Die iranische Nachrichtenagentur Fars hatte zuvor gemeldet, der religiöse Führer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, sei am Freitag über die tatsächlichen Hintergründe des Vorfalls informiert worden und habe dann persönlich deren öffentliche Bekanntgabe angeordnet. Irans Präsident Rohani schrieb später auf Twitter, sein Land bedaure den Abschuss „zutiefst“. Die interne Untersuchung der Streitkräfte habe ergeben, dass „wegen menschlichen Versagens abgeschossene Raketen bedauerlicherweise den grauenhaften Absturz des ukrainischen Flugzeugs und den Tod von 176 unschuldigen Menschen verursacht“ hätten. Die Ermittlungen dauerten an.

          Er teilte mit, dass der „unverzeihliche Vorfall“ juristisch konsequent verfolgt werde. Ein solcher Fehler dürfe nie wieder passieren und die Familien der Opfer müssten entschädigt werden.

          Auch der iranische Außenminister Dschawad Zarif entschuldigte sich für die Katastrophe. Zugleich gab er den Vereinigten Staaten eine Mitschuld: Menschliches Versagen „zur Zeit der durch das Abenteurertum der Vereinigten Staaten verursachten Krise“ habe „zu einem Desaster geführt“.

          Zuvor hatte Teheran einen Abschuss der Maschine vehement bestritten und erklärt, eine technische Ursache habe zu der Katastrophe geführt. In Iran stieß das Eingeständnis des Abschusses nach tagelangem Leugnen jedweder Schuld auch auf Kritik. „Es ist eine nationale Tragödie. Die Art, wie sie gehandhabt wurde und mehr noch, wie Behörden das bekannt gegeben haben, ist noch tragischer“, sagte der als moderat geltende Geistliche Ajatollah Ali Ansari nach einem Bericht der halboffiziellen Nachrichtenagentur Ilna.

          Viele Iraner fragten in sozialen Medien, warum der Flughafen Teherans nicht geschlossen worden sei, nachdem die iranische Armee zwei amerikanische Stützpunkte im Irak mit Raketen beschossen hatte. In einigen Tweets wurde Außenminister Mohammad Zarif zum Rücktritt aufgefordert. „Dies ist die Endstation, Herr Minister! Sie ruinieren alles“, twitterte etwa Bita Rasaki unter dem Account @bitarazaqi.

          Kanada korrigiert Zahl kanadischer Opfer nach unten

          Kurz vor dem Absturz am Mittwoch hatte Iran zwei von amerikanischen Soldaten genutzte Stützpunkte in Irak angegriffen. Danach war die ukrainische Maschine abgestürzt. Am Freitag hatten sich bereits mehrere EU-Staaten, die Vereinigten Staaten und Kanada davon überzeugt gezeigt, dass es sich um einen wohl versehentlichen Abschuss durch Iran handeln müsse. Unter den Absturzopfern waren 57 Kanadier. Kanada korrigierte die zuvor genannte Zahl von 63 seiner Staatsbürger, die bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren, nach unten. 

          Indes standen die Zeichen im Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und Iran nach den gezielten Militärschlägen vorerst auf Entspannung. Die Lage am Persischen Golf war eskaliert, nachdem Washington den iranischen Top-General Qassem Soleimani Ende vergangener Woche in Bagdad gezielt getötet hatten. Nach dem Angriff Irans auf die von den Vereinigten Staaten genutzten Militärbasen in Irak hatten der amerikanische Präsident Donald Trump und Irans Präsident Hassan Rohani angekündigt, den Konflikt zunächst auf politischer Ebene führen zu wollen.  

          Weitere Themen

          Norbert Röttgen wirft seinen Hut in den Ring Video-Seite öffnen

          CDU-Vorsitz : Norbert Röttgen wirft seinen Hut in den Ring

          Ex-Bundesumweltminister Norbert Röttgen will für den CDU-Bundesvorsitz kandidieren. Er ist der erste prominente Christdemokrat, der offiziell sein Interesse an dem Posten anmeldet. Bislang waren Armin Laschet, Friedrich Merz und Jens Spahn als Anwärter im Gespräch.

          Willkür mit System

          Internierte Muslime in China : Willkür mit System

          Ein internes chinesisches Regierungsdokument zeigt, dass schon ein falscher Mausklick ausreicht, um in Xinjiang im Umerziehungslager zu landen. Auch wer zu viele Kinder hat, macht sich verdächtig.

          Topmeldungen

          Röttgens Kandidatur : Ein lascher Kanzlerwahlverein

          Plötzlich sind es vier Bewerber für den CDU-Vorsitz, denn auch Norbert Röttgen sprang noch schnell auf den Zug auf. Die „Teamlösung“ wird dadurch immer schwieriger.
          Angehörige der uigurischen Minderheit in China demonstrieren 2009 in der Unruheregion Xinjiang in Nordwestchina.

          Internierte Muslime in China : Willkür mit System

          Ein internes chinesisches Regierungsdokument zeigt, dass schon ein falscher Mausklick ausreicht, um in Xinjiang im Umerziehungslager zu landen. Auch wer zu viele Kinder hat, macht sich verdächtig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.