https://www.faz.net/-gpf-7t4uh

Nach der Krim-Annexion : Zugreise zwischen den Welten

Richtiger Pass? In den Zügen der „Krim-Eisenbahn“ sieht es aus wie früher - doch es gelten neue Regeln Bild: Friedrich Schmidt

Nach wie vor kann man mit der Eisenbahn von der Halbinsel Krim über das ukrainische Festland bis nach Moskau reisen. Wer allerdings den falschen Pass hat, bekommt Schwierigkeiten.

          Es ist nicht so, dass die Verbindungen von der Krim auf das ukrainische Festland, das nach russischer Auffassung das ukrainische Ausland ist, abgerissen wären. Verwandte besuchen einander, Freundschaften bestehen fort. Auch Züge fahren weiter, seit dem Frühjahr aber nicht mehr für die Ukrainische Eisenbahn, sondern für die aus ukrainischem Staatsbesitz für die russische Staatsbahn gebildete „Krim-Eisenbahn“. Wenn sie die neue, faktische Grenze passieren, weicht die spätsommerliche Trägheit im Waggon einem angespannten Warten.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Kurz nach halb zwölf an einem Sonntagvormittag im August. Zug Nummer 18 rollt, aus Sewastopol kommend, in Simferopol ein, der Hauptstadt der Krim. Eine rostrote Lokomotive zieht ukrainisch blau-gelb gestrichene Waggons. Keine 24 Stunden später sollen sie in Moskau eintreffen. Dazwischen liegen Dnipropetrowsk, Charkiw, Belgorod und je zwei russische und ukrainische Kontrollpunkte. Am Bahnhof werben die russischen Kommunisten auf einem Plakat um Stimmen bei der Regionalwahl Mitte September. „Bring die Zeit der Siege zurück“, steht da. Wachsfigurenhaft grüßt dazu der greise Parteichef.

          Der russische Blick auf die Ukraine

          Russlands jüngster Sieg auf der Krim bewirkt, dass Walentina, die Schaffnerin mit sehr kurzem dunkelblauen Rock, weißer Bluse und blond gefärbten Strähnchen im Haar, die Einsteigenden barsch daran erinnert, die Pässe bereitzuhalten: „Sie überqueren doch eine Staatsgrenze!“ In Walentinas Waggon mit der Nummer 3 herrscht schon Wohnzimmeratmosphäre. Abgewetzte, bräunliche Läufer auf dem Boden dämpfen die Schritte. Weiße Laken aus Beständen der ukrainischen Eisenbahnverwaltung Dnipropetrowsk sind auf die Kunstlederpritschen gespannt.

          Füllige Männer mit nackten Bäuchen liegen darauf oder schieben sich über den Gang. Einige Passagiere packen sogleich kalte Brathähnchen und eine Plastikflasche mit Kwas aus. Bei Oleh, dem für Handreichungen aller Art zuständigen Praktikanten, kann man den Kaffee noch mit ukrainischen Griwna bezahlen, überall sonst auf der Krim werden seit Juni nur noch Rubel angenommen. Kurz vor zwölf setzt sich der Zug langsam in Bewegung, Wind fährt in die Vorhänge am Fenster. „Krim“, steht darauf in Blau.

          Auf dem Bahnhof in Simferopol: Reisende erwarten Zug Nummer 18 - die Waggons sind ukrainisch blau-gelb gestrichen

          Auf einer der Pritschen liegt schon seit Sewastopol Sascha, dürr, mit langen aschblonden Haaren und stechend blauen Augen. Seine Eltern kamen in der Sowjetzeit als Ingenieure aus Moskau auf die Krim. Er selbst arbeitete als Bauarbeiter lange in Moskau, dann in Charkiw. Als die Proteste auf dem Kiewer Majdan losgingen, fuhr er dorthin. „Als Tourist“, sagt Sascha und zeigt auf seinem Smartphone Bilder von dem Besuch. Er sagt, seine Freunde dort seien nun enttäuscht. „Sie wollten etwas ändern, aber es kamen doch nur wieder dieselben an die Macht.“ Schon drei Mal ist Sascha in diesem Sommer von Sewastopol nach Charkiw gefahren, wo seine Mutter nun lebt. Sascha weiß längst, worauf es an der neuen Grenze ankommt. Auf Fragen, was er als junger Mann dort wolle, ist er vorbereitet. Sascha, der sagt, er habe immer gewollt, dass „die Krim zu Russland zurückkommt“, holt seinen abgewetzten ukrainischen Pass hervor. Er sagt, er habe selbst gesehen, wie die Ukrainer den russischen Pass eines Passagiers von der Krim zerrissen hätten und ihn mit dem nächsten Zug zurückgeschickt hätten.

          Doch zunächst kontrolliert im Ort Dschakoj im Norden der Krim eine große Truppe russischer Zöllner, Grenzer und Soldaten den Zug. Es ist ein Fest der Uniformen: Junge Frauen in Dunkel- oder Hellblau, stämmige Männer in dunkel- oder hellgrünem Flecktarn. Eine Dreiviertelstunde steht der Zug am Bahnhof. Zeit genug, damit Maria, eine alte Frau aus der Gegend von Sewastopol mit rosafarbenem Kopftuch und goldenem Kreuz an ihrer Halskette, die ihre verwitwete Schwester in Charkiw besuchen will, erzählen kann, wie ihre Nichte aus Saratow an der Wolga Bedenken wegen der Reise geäußert habe: „Da ist doch Krieg.“ Der russische Blick auf die Ukraine.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

          Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

          Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

          1:0 gegen Hoffenheim : Hintereggers Blitztor reicht der Eintracht

          Nach 36 Sekunden führte die Eintracht 1:0. Und nach 90 Minuten ebenfalls. Beim Bundesliga-Auftaktsieg gegen Hoffenheim vergibt die Eintracht viele Chancen auf einen höheren Sieg. Hoffenheims Trainer Alfred Schreuder verliert beim Bundesligadebüt.

          „Tatort“ aus Dresden : Echte Kommissarinnen stehen zusammen

          Ein spektakuläres Verbrechen, ein Chef, dem die Nerven durchgehen, und zwei Ermittlerinnen mit Durchblick: Das neue Team des „Tatorts“ aus Dresden wird sich so rasant einig, dass man nur staunen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.