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Nach den Wahlen : Serbiens starke Verlierer

Koštunicas Zustimmungswerte sinken Bild: AP

Ministerpräsident Koštunica ist nach dem Wahlsieg von Präsident Tadić geschwächt. Doch der Sieger muss auf ihn und auf seinen unterlegenen Herausforderer Rücksicht nehmen. Zu einer ersten Machtprobe könnte es schon am 7. Februar kommen.

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          Als sich die Nachricht vom Sieg des Amtsinhabers Boris Tadić in der serbischen Präsidentenwahl in der Nacht zum Montag bestätigte, spielte vor der Zentrale seiner Demokratischen Partei eine Romakapelle auf. Vor der Parteivilla in der eleganten Krunska-Straße, die den Bombenhagel der deutschen Luftwaffe von 1941 unbeschadet überstanden hat, verbreitete sich Karnevalsatmosphäre.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Für die Minderheiten Serbiens war der Sieg von Boris Tadić ihr Sieg - denn den Herausforderer Tomislav Nikolić von der Serbischen Radikalen Partei (SRS) haben sie aus den neunziger Jahren noch in böser Erinnerung. Damals war er in der Partei zweiter Mann hinter dem nationalistischen Hetzer Vojislav Seselj, der vor dem Haager Tribunal wegen Kriegsverbrechen angeklagt und formal aber immer noch Vorsitzender der SRS ist.

          Werben um die Stimmen der Muslime

          In den serbischen Kommentaren zu der Wahl ging es am Montag meist um zwei Fragen: Welche Rolle werden Nikolić und die Radikalen künftig in Serbien einnehmen? Und von welcher Besatzung wird Serbien die kommenden Wochen, in denen die Abtrennung des Kosovos bevorsteht, gelenkt werden? Nikolić hat trotz seiner Niederlage eindrucksvoll bewiesen, dass mit ihm und seiner Partei zu rechnen ist. Seit er die SRS führt, hat Nikolić seinen Ton gemäßigt.

          Karnevalsatmosphäre vor der Parteivilla

          Er wirbt, wenn auch vollkommen erfolglos, sogar um die Stimmen der Muslime und Ungarn Serbiens und spricht längst nicht mehr von Groß-Serbien. Seine Reden kreisen um die üblichen Themen eines Oppositionsführers: Er greift die Korruption der Regierung an, beklagt mangelnde Fortschritte in der wirtschaftlichen Entwicklung und kritisiert die ungleiche Verteilung staatlicher Leistungen. Nur wenn es um die drohende Unabhängigkeit des Kosovos geht, fällt er mitunter in alte rhetorische Gewohnheiten zurück - dann droht er mit der Errichtung russischer Militärlager und Radaranlagen in Serbien und spricht sich für den Anschluss des Landes an Russland aus, was er nachträglich freilich zu einem „Witz“ umdeutete.

          Nicht einverstanden mit dem Verlust des Kosovos

          Kein Witz ist es, dass fast 2,2 Millionen der 6,7 Millionen registrierten Wähler in Serbien ihm ihre Stimme gegeben haben. Doch wer sind diese Leute? In westlichen Medien wird Nikolić oft als „Ultra-Nationalist“ etikettiert. Diese Bezeichnung führt aber in die Irre, wenn daraus Rückschlüsse auf die Masse seiner Unterstützer gezogen werden. Unter den lokalen Funktionären der SRS in der Provinz trifft man oft vernünftige, tüchtige Leute.

          Viele wollen zwar die von Serben verübten Verbrechen an den Nachbarvölkern in den neunziger Jahren nicht wahrhaben und sehen nur das an Serben begangene Unrecht. Dass sie leugnen, dass es überhaupt von Serben begangene Untaten gegeben hat, wirkt wie ein Zeichen schlechten Gewissens, das sich vielleicht eines Tages der Wahrheit öffnen wird. Die meisten Wähler der SRS haben ohnehin alles andere im Sinn als Groß-Serbien, und dass sie dem nahenden Verlust des Kosovos nicht auch noch applaudieren mögen, ist verständlich. Keine der großen Parteien Serbiens ist bereit, sich mit dem Verlust der Provinz öffentlich einverstanden zu erklären.

          Von Anfang an isoliert

          Nikolić ist aber nicht deshalb von so vielen Menschen gewählt worden, weil er auf Wahlveranstaltungen schwört, seine Partei werde ewiglich am Kosovo festhalten. Seinen Wählern scheint er vielmehr die beste Gewähr für eine gute Zukunft ihrer Kinder zu bieten. Er wird nicht mit den Belgrader Korruptionsfällen in Verbindung gebracht - nach mehr als sieben Jahren in der Opposition hat er schon aus Mangel an Gelegenheit zur Korruption eine ziemlich weiße Weste. In der Nacht seiner Niederlage gab er sich zudem als der Staatsmann, der er gern geworden wäre: Nikolić gratulierte seinem Gegner in aller Form und rief seine Anhänger zu Disziplin auf.

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