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Griechenland : Arkadische Landschaft in der Abenddämmerung

Nichts wie weg: Giannis Varoufakis und seine unbehelmte Frau verlassen das Finanzministerium in Athen und reiten davon. Bild: AFP

Wäre Griechenlands derzeitige Lage ein historisches Gemälde, könnte es in den Museen hängen - unter dem Titel: „Arkadische Landschaft in der Abenddämmerung“. Und schon bald könnte die Dämmerung zur Nacht werden.

          5 Min.

          Giannis Varoufakis hat den Erfolg nur um wenige Stunden überlebt. Schon am Tag nach dem scheinbar größten Sieg der griechischen Regierung war er nur noch ehemaliger Finanzminister Griechenlands. Doch auch im Rückblick blieb der irrlichternde Leuchtturm der griechischen Linken sich treu und verfasste einen pompösen Nachruf auf sich selbst.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Lektüre dieses Textes lohnt sich schon deshalb, weil die darin enthaltene Autosuggestion nicht nur für Varoufakis persönlich steht, sondern auch für die Weltsicht der Regierungspartei Syriza und eines beträchtlichen Teils der griechischen Gesellschaft. Schon der Einstieg ist eine Wucht: „Das Referendum vom 5. Juli wird (bestehen) bleiben als einzigartiger Moment in der Geschichte, in dem ein kleines Volk sich gegen die Schuldknechtschaft erhoben hat.“

          Es handele sich um einen „Kampf für demokratische Rechte“, und wie immer in der Geschichte sei dafür ein Preis zu zahlen, fährt Varoufakis in präambelhafter Feierlichkeit fort. Es gelte nun, das „prächtige Nein“ umgehend in ein „Ja“ für eine Vereinbarung zu investieren, die „eine Schuldenumstrukturierung, weniger Austerität, Umverteilung zugunsten der Bedürftigen und wirkliche Reformen einbezieht.“

          Stolz und Abscheu

          Als Varoufakis seine Abschiedserklärung veröffentlichte, stand der Umfang der griechischen Erhebung wider die Schuldknechtschaft bereits amtlich fest: Von den 62,5 Prozent der wahlberechtigten Griechen, die an dem Referendum teilnahmen, hatten 61,3 Prozent mit „Nein“ gestimmt, wobei niemand genau sagen konnte, gegen was sich dieses Nein richtete. Varoufakis jedenfalls will bald nach der Bekanntgabe des Ergebnisses davon in Kenntnis gesetzt worden sein, dass „einige Teilnehmer der Eurogruppe“ sowie bestimmte „Partner“ (in Anführungsstrichen) es vorzögen, wenn Griechenland einen neuen Finanzminister bekäme.

          Da sein Ministerpräsident diese „Idee“ für „potentiell hilfreich“ halte, um eine Vereinbarung mit den Geldgebern schließen zu können, habe er seinen Rücktritt beschlossen, werde aber weiterhin an der Seite der Regierung stehen, so Varoufakis. „Ich empfinde es als meine Pflicht, Alexis Tsipras dabei zu helfen, das Kapital, welches das griechische Volk uns durch das gestrige Referendum anvertraut hat, so zu nutzen, wie er es für angebracht hält. Und ich werde die Abscheu der Gläubiger mit Stolz tragen.“

          Schließlich geht es laut Varoufakis um nichts weniger als die Demokratie in der Welt: „Die übermenschliche Anstrengung, dem mutigen griechischen Volk und dem berühmten ,Ochi‘, das sie den Demokraten auf der ganzen Welt übereignet haben, gerecht zu werden, hat gerade erst begonnen.“

          Finanzkrise : Griechen sagen „Nein" zur Sparpolitik

          Angesichts der nicht nur in Kreisen europäischer Finanzminister grassierenden akuten Varoufakismüdigkeit wird dessen Rückzug, abgesehen von den Demokraten auf der ganzen Welt, wohl nicht allzu großes Bedauern hinterlassen. Manchen gilt der Umstand, dass Tsipras sich von seinem bekanntesten Kabinettsmitglied getrennt hat, sogar als Zeichen für eine neue Kompromissbereitschaft Athens.

          Das könnte sich freilich als Irrtum erweisen, denn auch nach Varoufakis’ Rückzug wird in der Athener Regierung die fest verankerte Überzeugung bestehen bleiben, dass am Sonntag sechzig Prozent von sechzig Prozent der Wahlberechtigten in einem elf Millionen Einwohner zählenden Staat die übrigen etwa 323 Millionen Bürger der Eurozone in die Pflicht genommen haben.

          Rezept für ein Desaster

          Mögen der Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis und andere noch so oft daran erinnern, dass die Eurozone aus 19 Demokratien besteht und eine Lösung für alle akzeptabel sein muss – die Botschaft verfängt nicht bei Tsipras und seinen Ministern. Immer wieder berufen sie sich auf ihr demokratisches Mandat, dem sich die Geldgeber zu fügen hätten – griechisches Recht bricht europäisches Recht.

          Wer noch Zweifel daran hat, dass die Währungsunion an einer schweren Wahrnehmungsdivergenz ihrer Teilnehmer leidet, kann auch bei den jüngsten demoskopischen Erkenntnissen aus Deutschland und Griechenland Aufklärung suchen. Hier Schäuble, der eine harte Linie gegen Griechenland verficht: in Deutschland populär wie nie zuvor. Dort Varoufakis, der eine harte Linie gegen Deutschland verfocht: in Griechenland populär wie nie zuvor. Wer auf den anderen einhaut, ist beliebt – ein Rezept für ein Desaster.

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