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Nach dem Putsch in Myanmar : Der Widerstand organisiert sich im Untergrund

Demonstranten während eines Protests am 14. März in Hlaingthaya Bild: EPA

Sechs Wochen nach dem Militärputsch in Myanmar nimmt eine zivile Gegenregierung aus entmachteten Abgeordneten Gestalt an. Auf den Straßen fließt weiter das Blut.

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          Zu nicht weniger als einer „Revolution“ gegen das Militärregime hat der Chef einer Untergrundregierung in Myanmar aufgerufen. Der frühere Parlamentssprecher Mahn Win Khaing Than war in der vergangenen Woche von einer Gruppe durch das Militär entmachteter Abgeordneter zum Vizepräsidenten ernannt worden. Er soll die rechtmäßig gewählten Parlamentarier, von denen viele in Haft sitzen, als Regierungschef vertreten. Dabei übernimmt er theoretisch Funktionen, die der Präsident Win Myint und die Staatsrätin Aung San Suu Kyi bis zu ihrer Festnahme am 1. Februar durch das Militär ausgeführt hatten.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Am Samstag wandte er sich nun zum ersten Mal per Video an das Volk: „Dies ist die dunkelste Zeit für unsere Nation und der Moment, in dem der Tagesanbruch naht“, sagte er in seiner Ansprache. Er forderte die Menschen auf, weiter gegen die „unrechtmäßige Diktatur“ des Militärs auf die Straße zu gehen.

          Der Auftritt des Politikers ist ein wichtiger Schritt der Parlamentariergruppe, die sich nach der Verhaftung der politischen Führung selbst zur faktischen Gegenregierung zum Militärregime ernannt hat. Sie bezeichnet sich nach der landessprachlichen Bezeichnung für Myanmars Parlament als „Committee Representing Pyidaungsu Hluttaw“ (CRPH).

          Des „Hochverrats“ bezichtigt

          Die Untergrundabgeordneten hatten zuvor schon vier Minister ausgewählt, von denen die meisten mehrere Funktionen übernehmen, und einen eigenen UN-Gesandten. Der 68 Jahre alte Vizepräsident gehört wie die meisten Mitglieder des Komitees der einst von Aung San Suu Kyi gegründeten Nationalliga für Demokratie (NLD) an. Die Partei hatte bei der Wahl im November mehr als 80 Prozent der verfügbaren Sitze im Parlament errungen.

          Die Militärregierung, die das Wahlergebnis nicht anerkennt, bezichtigt das Komitee des „Hochverrats“. Dafür haben die Parlamentarier das Militär als Terrororganisation eingestuft. Dass es Terror ausübt, zeigt sich derzeit täglich auf Myanmars Straßen. Allein an diesem Wochenende sind laut der Nachrichtenagentur Reuters 18 Menschen durch Schüsse von Polizei und Militär getötet worden. Am Sonntag starben in der größten Stadt Yangon drei Menschen, zwei weitere Tote gab es in anderen Städten. Am Samstag waren 13 Menschen getötet worden. Nach Angaben einer Menschenrechtsgruppe wurden bisher mehr als 80 Menschen getötet und über 2100 festgenommen. Einem UN-Vertreter zufolge könnten die Taten des Militärs womöglich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft werden.

          Versteckt vor den Sicherheitskräften

          Die Bilder der Straßenschlachten finden teilweise auch den Weg in die internationale Berichterstattung. Einige wichtige Entwicklungen der vergangenen Wochen haben sich aber im Untergrund abgespielt. In Folge der Machtübernahme des Militärs müssen sich viele Politiker, Aktivisten und Kritiker der Junta vor den Sicherheitskräften verstecken.

          Im Gespräch mit der F.A.Z. äußerte sich ein Myanmare, der der NLD nahesteht und an der Koordinierung der Bemühungen beteiligt ist. Aus Sicherheitsgründen kann sein Name nicht genannt werden. Er selbst wechselt seit Wochen immer wieder seine Standorte, Kommunikationsmittel und Verbindungsleute. Wie der Mann berichtete, liege ein Schwerpunkt der Widerstandsbewegung auf den Verhandlungen mit Parteien ethnischer Minderheiten sowie den ethnischen Rebellenarmeen. Dabei sollen die Vertreter der NLD den ethnischen Rebellen in zwei entscheidenden Punkten entgegengekommen sein.

          So habe sich die NLD der Forderung vieler ethnischer Gruppen nach einer Revision der Verfassung aus dem Jahr 2008 und der Einführung eines föderalistischen Systems in Myanmar angeschlossen. Damit sei einer engeren Kooperation im Kampf gegen das Militär der Weg bereitet. Dies wurde auch von Mahn Win Khaing Than am Samstag in seiner Rede bestätigt: „Diese Revolution ist die Gelegenheit für uns, unsere Bemühungen zu vereinen“, sagte der Politiker.

          Wie viele andere NLD-Mitglieder versteckt sich auch der Vizepräsident der Gegenregierung an einem unbekannten Ort. Wie der NLD-nahe Koordinator der F.A.Z. bestätigte, gibt es allein in Yangon mehrere Dutzend Häuser und Wohnungen, die als Unterschlupf für untergetauchte Politiker und Aktivisten dienten. Der Mann ist seinen Angaben nach selbst für etwa ein Dutzend solcher Rückzugsräume zuständig. Sie seien so ausgestattet, dass die Untergetauchten rund eineinhalb Monate überleben könnten. Aus Sicherheitsgründen wechselten sie aber regelmäßig ihre Standorte. Was passieren kann, wenn jemand in die Hände der Sicherheitskräfte gerät, hat sich in der vorigen Woche gezeigt. Zwei NLD-Vertreter, die am Abend festgenommen wurden, waren am nächsten Tag tot. Ihre Leichen waren von Spuren schwerer Misshandlung gezeichnet.

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