https://www.faz.net/-gpf-986h0

Anschlag auf Spion : Spuren eines tödlichen Gifts

  • -Aktualisiert am

Die britischen Ermittler müssen bei der Spurensuche extrem vorsichtig sein. Bild: AP

Mit widersprüchlichen Versionen versucht Russland, den Verdacht für den Anschlag von Salisbury von sich zu weisen. Dabei führt die Spur des chemischen Kampfstoffes weit zurück – bis in die Sowjetunion.

          4 Min.

          „Ich möchte mit aller möglichen Bestimmtheit sagen, dass es weder in der Sowjetunion noch in Russland irgendein Programm zur Entwicklung eines Giftstoffes unter der Bezeichnung Nowitschok gegeben hat.“ Mit dieser Äußerung hat der stellvertretende russische Außenminister Sergej Rjabkow am Donnerstag die Anschuldigung Großbritanniens zurückgewiesen, Russland stehe hinter dem Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter in Salisbury. Ähnlich äußerten sich fast gleichzeitig auch die Botschafter Russlands bei den Vereinten Nationen und der OSZE. Die Botschaft dieser Äußerungen ist klar: Russland kann nicht hinter dem versuchten Mord mit einem Gift stehen, das es nie besessen hat.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Der Chef der drei Diplomaten, Außenminister Sergej Lawrow, indes äußerte sich gleichfalls am Donnerstag etwas anders. Er bestritt überhaupt nicht, dass die Sowjetunion entsprechende Gifte hergestellt habe, sondern erzählte, was mit ihnen in den neunziger Jahren geschehen sei. Die entsprechenden Laboratorien seien nach dem Zerfall der Sowjetunion außer in Russland auch in einer Reihe anderer Republiken verblieben, etwa in den baltischen Staaten und Usbekistan. Die Herstellungsorte und Vorräte in Usbekistan jedoch seien, so Lawrow weiter, unter Beteiligung amerikanischer Fachleute aufgelöst worden: „Es ist deshalb sehr schwierig, jetzt noch herauszufinden, wer es geschafft hat, etwas zu sehen, an sich zu nehmen und fortzuschaffen.“ Dann verwies Lawrow noch darauf, dass der Chemiker Wil Mirsajanow, durch dessen Berichte die Öffentlichkeit Anfang der neunziger Jahre erstmals von Nowitschok erfahren hat, 1995 in die Vereinigten Staaten emigriert ist – „mit allen Dokumenten übrigens“. Und weiter: „Das bringt einen auf Gedanken.“

          Das ist der Punkt, an dem die beiden einander widersprechenden Verteidigungslinien wieder zusammenfinden: Die Briten haben den Giftanschlag, so die russische Version, selbst verübt. Der russische OSZE-Botschafter nannte zwei Motive: die Schwierigkeiten der Regierung mit dem Brexit und die Ablenkung von dem Missbrauchsskandal in Telford, wo „vierzig Jahre lang mit Duldung der Polizei und der örtlichen Behörden mehr als Tausend Kinder“ Opfer einer pädophilen Bande geworden seien. Der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses des russischen Oberhauses Konstantin Kossatschow sieht noch viel dramatischere Gründe für den Fall Skripal: Man sehe gerade die „Vorbereitung der öffentlichen Meinung auf die Möglichkeit der Anwendung militärischer Gewalt“ gegen Russland, schrieb er auf Facebook.

          Nervengift positiv identifiziert

          Zu den Vorwürfen, die seit Tagen aus Russland gegen die britische Regierung erhoben werden, gehört auch, dass London die in Den Haag ansässige Organisation zum Verbot chemischer Waffen (OPCW) nicht richtig eingeschaltet habe, die über die Einhaltung der 1997 in Kraft getretenen Chemiewaffenkonvention (CWC) wacht. Die OPCW bestätigte jedoch am Freitag britische Informationen, dass sie technische Hilfe für die Untersuchungen angeboten habe. Es sei damit zu rechnen, dass „bald“ Taten folgten, teilte die Organisation mit.

          Dabei könnte auch dem im südenglischen Porton Down, nur einige Kilometer von Salisbury entfernt, ansässigen britischen Referenzlabor eine wichtige Aufgabe zukommen. In dem Labor sei, wie der britische OPCW-Botschafter Peter Wilson am Dienstag bei der Sitzung des Exekutivrats der Haager Organisation erklärte, das Nervengift „positiv identifiziert“ worden. Britannien wisse auch, dass Russland „den Wirkstoff in der Vergangenheit hergestellt hat und dazu immer noch in der Lage ist“. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte zu den Angaben der britischen Regierung, er könne sich zwar nicht näher zu nachrichtendienstlichen Erkenntnissen äußern, aber: „Wir haben keinen Grund an den Befunden und Bewertungen des Vereinigten Königreichs zu zweifeln.“

          Der unabhängige belgische Chemiewaffenexperte Jean-Pascal Zanders beschrieb dieser Zeitung das weitere Vorgehen bei der OPCW: In Kürze könnten auf britischen Antrag hin dort Konsultationen beginnen, danach bleibe Russland eine Frist von zehn Tagen, sich zu erklären. Falle die Antwort unbefriedigend aus, könne der Exekutivrat der OPCW eine umfassendere Untersuchung, möglicherweise unter Einbeziehung eines Expertengremiums, beschließen.

          Chemischer Kampfstoff

          Zanders, der unweit von Genf die Beratungsgesellschaft „The Trench“ leitet, wies die russischen Darstellungen zurück, wonach Russland nichts mit Herstellung und Verwendung des Nervengifts zu tun habe. Anfang der neunziger Jahre, „kurz nach Abschluss der Beratungen über die Chemiewaffenkonvention, hat es erste Hinweise auf die Rolle der damaligen Sowjetunion bei der Entwicklung des Gifts gegeben“, sagte Zanders. Als „falsche Behauptung“ bezeichnete Zanders zudem den – in Gesprächen mit russischen Diplomaten gewonnenen – Eindruck, wonach das Nervengift nicht unter die Konvention falle: „Es stimmt zwar, dass es nicht explizit im Anhang der Konvention erwähnt wird. Dies ändert jedoch nichts daran, dass sie den Einsatz entsprechender Giftstoffe untersagt. Das gilt im Übrigen auch für Chlorgas, das in Syrien eingesetzt worden ist.“

          Wil Mirsajanow, der Mann, durch den die Entwicklung von Nowitschok Anfang der neunziger Jahre öffentlich bekannt geworden ist, wirft der OPCW in einem Interview mit der Kreml-kritischen russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ vor, es liege auch an ihr, dass das Gift nicht auf der Verbotsliste steht. Sie habe nicht reagiert, als er 2008 in einem Buch die Zusammensetzung von Nowitschok mit dem Ziel veröffentlicht habe, genau das zu erreichen. „Man musste Russland dieses Geheimnis für immer entreißen“, sagte er dem Blatt. „Ich war so naiv zu denken, dass ich damit seine Anwendung für immer ausschließe.“

          Der 83 Jahre alte Mirsajanow arbeitete seit den siebziger Jahren in der Sowjetunion im streng geheimen „Staatlichen Forschungsinstitut für organische Chemie und Technologie“ an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe. Nowitschok sei, so Mirsajanow gegenüber der „Nowaja Gaseta“, nach Erprobungen an Hunden und Kaninchen auf einem Testgelände im Westen Usbekistans 1988 von der sowjetischen Armee als chemischer Kampfstoff in Dienst gestellt worden – und das Institut sei dafür mit dem Lenin-Preis ausgezeichnet worden.

          Wirksamer als Sarin

          Mirsajanow gibt an, ihm seien schon in sowjetischer Zeit langsam Zweifel an seiner Tätigkeit gekommen, die sich während der Perestrojka verstärkt hätten. 1992 publizierte er in der Zeitung „Moskowkije Nowosti“ einen Artikel unter der Überschrift „Vergiftete Politik“, in dem er bekannt machte, dass das russische Militär entgegen öffentlichen Behauptungen weiter an der Entwicklung von sogenannten binären Nervengiften arbeite, die erst unmittelbar vor dem Einsatz durch die Mischung relativ ungefährlicher Ausgangsstoffe „kampfbereit“ gemacht werden. Mirsajanow wurde danach verhaftet und wegen Geheimnisverrats angeklagt. 1994 wurde er freigesprochen und durfte in die Vereinigten Staaten ausreisen.

          Die tödliche Dosis von Nowitschok liegt nach Angaben von Wil Mirsjanaow bei 0,1 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht des damit angegriffenen Menschen. „Wenn die Dosis kleiner ist, dann leidet man, stirbt aber nicht sofort“, sagte er in dem Interview mit der „Nowaja Gaseta“. Nach seinen Angaben ist es damit deutlicher wirksamer als andere Nervengifte: Bei VX – mit dem voriges Jahr der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un ermordet wurde – sind nach seinen Angaben 0,5 Milligramm, bei Sarin 0,2 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht tödlich.

          Weitere Themen

          Regierung bestreitet Militärputsch Video-Seite öffnen

          Unruhen in Burkina Faso : Regierung bestreitet Militärputsch

          Nach Schüssen in mehreren Kasernen und einem Ausfall des Internets hat Burkina Fasos Regierung Putschgerüchte zurückgewiesen. Zuvor kam es zu gewaltsamen Protesten gegen die Regierung.

          Topmeldungen

          „Eine Impfplicht für Risikogruppen wäre ein guter Kompromiss“: Cihan Çelik im September auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Es gibt kein Durchatmen“

          Cihan Çelik behandelt weiter Covid-Kranke – und hält mittlerweile eine Impfpflicht für Risikogruppen für einen guten Kompromiss. Ein Interview über Omikron, die Endemie und das Zögern der Ständigen Impfkommission.

          Rätselraten um Tennis-Star : Was ist mit Alexander Zverev los?

          Wie ein Stromausfall: Alexander Zverev scheidet bei den Australian Open bereits im Achtelfinale aus. Sein kraftloser Auftritt wirft Fragen auf, die auch er selbst nicht beantworten kann.
          Hier gibt es viel zu kuppeln: Züge auf dem Gleisfeld am Frankfurter Hauptbahnhof.

          Digitale Kupplung : Eine Revolution im Güterzugverkehr

          Seit dem 19. Jahrhundert werden Züge manuell gekuppelt. Dies soll nun digitalisiert werden – und die Schiene gegenüber dem Lkw wesentlich attraktiver machen.