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Anschlag auf Spion : Spuren eines tödlichen Gifts

Die britischen Ermittler müssen bei der Spurensuche extrem vorsichtig sein. Bild: AP

Mit widersprüchlichen Versionen versucht Russland, den Verdacht für den Anschlag von Salisbury von sich zu weisen. Dabei führt die Spur des chemischen Kampfstoffes weit zurück – bis in die Sowjetunion.

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          „Ich möchte mit aller möglichen Bestimmtheit sagen, dass es weder in der Sowjetunion noch in Russland irgendein Programm zur Entwicklung eines Giftstoffes unter der Bezeichnung Nowitschok gegeben hat.“ Mit dieser Äußerung hat der stellvertretende russische Außenminister Sergej Rjabkow am Donnerstag die Anschuldigung Großbritanniens zurückgewiesen, Russland stehe hinter dem Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter in Salisbury. Ähnlich äußerten sich fast gleichzeitig auch die Botschafter Russlands bei den Vereinten Nationen und der OSZE. Die Botschaft dieser Äußerungen ist klar: Russland kann nicht hinter dem versuchten Mord mit einem Gift stehen, das es nie besessen hat.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Der Chef der drei Diplomaten, Außenminister Sergej Lawrow, indes äußerte sich gleichfalls am Donnerstag etwas anders. Er bestritt überhaupt nicht, dass die Sowjetunion entsprechende Gifte hergestellt habe, sondern erzählte, was mit ihnen in den neunziger Jahren geschehen sei. Die entsprechenden Laboratorien seien nach dem Zerfall der Sowjetunion außer in Russland auch in einer Reihe anderer Republiken verblieben, etwa in den baltischen Staaten und Usbekistan. Die Herstellungsorte und Vorräte in Usbekistan jedoch seien, so Lawrow weiter, unter Beteiligung amerikanischer Fachleute aufgelöst worden: „Es ist deshalb sehr schwierig, jetzt noch herauszufinden, wer es geschafft hat, etwas zu sehen, an sich zu nehmen und fortzuschaffen.“ Dann verwies Lawrow noch darauf, dass der Chemiker Wil Mirsajanow, durch dessen Berichte die Öffentlichkeit Anfang der neunziger Jahre erstmals von Nowitschok erfahren hat, 1995 in die Vereinigten Staaten emigriert ist – „mit allen Dokumenten übrigens“. Und weiter: „Das bringt einen auf Gedanken.“

          Das ist der Punkt, an dem die beiden einander widersprechenden Verteidigungslinien wieder zusammenfinden: Die Briten haben den Giftanschlag, so die russische Version, selbst verübt. Der russische OSZE-Botschafter nannte zwei Motive: die Schwierigkeiten der Regierung mit dem Brexit und die Ablenkung von dem Missbrauchsskandal in Telford, wo „vierzig Jahre lang mit Duldung der Polizei und der örtlichen Behörden mehr als Tausend Kinder“ Opfer einer pädophilen Bande geworden seien. Der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses des russischen Oberhauses Konstantin Kossatschow sieht noch viel dramatischere Gründe für den Fall Skripal: Man sehe gerade die „Vorbereitung der öffentlichen Meinung auf die Möglichkeit der Anwendung militärischer Gewalt“ gegen Russland, schrieb er auf Facebook.

          Nervengift positiv identifiziert

          Zu den Vorwürfen, die seit Tagen aus Russland gegen die britische Regierung erhoben werden, gehört auch, dass London die in Den Haag ansässige Organisation zum Verbot chemischer Waffen (OPCW) nicht richtig eingeschaltet habe, die über die Einhaltung der 1997 in Kraft getretenen Chemiewaffenkonvention (CWC) wacht. Die OPCW bestätigte jedoch am Freitag britische Informationen, dass sie technische Hilfe für die Untersuchungen angeboten habe. Es sei damit zu rechnen, dass „bald“ Taten folgten, teilte die Organisation mit.

          Dabei könnte auch dem im südenglischen Porton Down, nur einige Kilometer von Salisbury entfernt, ansässigen britischen Referenzlabor eine wichtige Aufgabe zukommen. In dem Labor sei, wie der britische OPCW-Botschafter Peter Wilson am Dienstag bei der Sitzung des Exekutivrats der Haager Organisation erklärte, das Nervengift „positiv identifiziert“ worden. Britannien wisse auch, dass Russland „den Wirkstoff in der Vergangenheit hergestellt hat und dazu immer noch in der Lage ist“. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte zu den Angaben der britischen Regierung, er könne sich zwar nicht näher zu nachrichtendienstlichen Erkenntnissen äußern, aber: „Wir haben keinen Grund an den Befunden und Bewertungen des Vereinigten Königreichs zu zweifeln.“

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