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Anschlag auf Spion : Spuren eines tödlichen Gifts

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Der unabhängige belgische Chemiewaffenexperte Jean-Pascal Zanders beschrieb dieser Zeitung das weitere Vorgehen bei der OPCW: In Kürze könnten auf britischen Antrag hin dort Konsultationen beginnen, danach bleibe Russland eine Frist von zehn Tagen, sich zu erklären. Falle die Antwort unbefriedigend aus, könne der Exekutivrat der OPCW eine umfassendere Untersuchung, möglicherweise unter Einbeziehung eines Expertengremiums, beschließen.

Chemischer Kampfstoff

Zanders, der unweit von Genf die Beratungsgesellschaft „The Trench“ leitet, wies die russischen Darstellungen zurück, wonach Russland nichts mit Herstellung und Verwendung des Nervengifts zu tun habe. Anfang der neunziger Jahre, „kurz nach Abschluss der Beratungen über die Chemiewaffenkonvention, hat es erste Hinweise auf die Rolle der damaligen Sowjetunion bei der Entwicklung des Gifts gegeben“, sagte Zanders. Als „falsche Behauptung“ bezeichnete Zanders zudem den – in Gesprächen mit russischen Diplomaten gewonnenen – Eindruck, wonach das Nervengift nicht unter die Konvention falle: „Es stimmt zwar, dass es nicht explizit im Anhang der Konvention erwähnt wird. Dies ändert jedoch nichts daran, dass sie den Einsatz entsprechender Giftstoffe untersagt. Das gilt im Übrigen auch für Chlorgas, das in Syrien eingesetzt worden ist.“

Wil Mirsajanow, der Mann, durch den die Entwicklung von Nowitschok Anfang der neunziger Jahre öffentlich bekannt geworden ist, wirft der OPCW in einem Interview mit der Kreml-kritischen russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ vor, es liege auch an ihr, dass das Gift nicht auf der Verbotsliste steht. Sie habe nicht reagiert, als er 2008 in einem Buch die Zusammensetzung von Nowitschok mit dem Ziel veröffentlicht habe, genau das zu erreichen. „Man musste Russland dieses Geheimnis für immer entreißen“, sagte er dem Blatt. „Ich war so naiv zu denken, dass ich damit seine Anwendung für immer ausschließe.“

Der 83 Jahre alte Mirsajanow arbeitete seit den siebziger Jahren in der Sowjetunion im streng geheimen „Staatlichen Forschungsinstitut für organische Chemie und Technologie“ an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe. Nowitschok sei, so Mirsajanow gegenüber der „Nowaja Gaseta“, nach Erprobungen an Hunden und Kaninchen auf einem Testgelände im Westen Usbekistans 1988 von der sowjetischen Armee als chemischer Kampfstoff in Dienst gestellt worden – und das Institut sei dafür mit dem Lenin-Preis ausgezeichnet worden.

Wirksamer als Sarin

Mirsajanow gibt an, ihm seien schon in sowjetischer Zeit langsam Zweifel an seiner Tätigkeit gekommen, die sich während der Perestrojka verstärkt hätten. 1992 publizierte er in der Zeitung „Moskowkije Nowosti“ einen Artikel unter der Überschrift „Vergiftete Politik“, in dem er bekannt machte, dass das russische Militär entgegen öffentlichen Behauptungen weiter an der Entwicklung von sogenannten binären Nervengiften arbeite, die erst unmittelbar vor dem Einsatz durch die Mischung relativ ungefährlicher Ausgangsstoffe „kampfbereit“ gemacht werden. Mirsajanow wurde danach verhaftet und wegen Geheimnisverrats angeklagt. 1994 wurde er freigesprochen und durfte in die Vereinigten Staaten ausreisen.

Die tödliche Dosis von Nowitschok liegt nach Angaben von Wil Mirsjanaow bei 0,1 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht des damit angegriffenen Menschen. „Wenn die Dosis kleiner ist, dann leidet man, stirbt aber nicht sofort“, sagte er in dem Interview mit der „Nowaja Gaseta“. Nach seinen Angaben ist es damit deutlicher wirksamer als andere Nervengifte: Bei VX – mit dem voriges Jahr der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un ermordet wurde – sind nach seinen Angaben 0,5 Milligramm, bei Sarin 0,2 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht tödlich.

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