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Nach dem Flugzeugabsturz : Nebel über Smolensk

Die Tupolew mit Kaczynski an Bord stürzte beim vierten Landeversuch in Smolensk ab Bild: AP

Vieles deutet darauf hin, dass dichter Nebel die Ursache für den Absturz der Kaczynski-Maschine war - und dass der Pilot alle Warnhinweise ignorierte. Möglicherweise tat er dies auf Kaczynskis Anweisung, der wohl unbedingt rechtzeitig zur Gedenkfeier nach Katyn kommen wollte.

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          Der Sprecher des polnischen Außenministeriums musste am Sonntag Gerüchten entgegentreten: Nein, Berichte einiger polnischer Medien stimmten nicht, dass die russischen Ermittler mit der Öffnung und Auswertung der Black Box des abgestürzten Präsidentenflugzeugs begonnen hätten, ohne auf die polnischen Ermittler zu erwarten. Die beiden geborgenen und kaum beschädigten Flugschreiber würden vielmehr von Anfang an von Fachleuten aus beiden Ländern untersucht. Sowohl die polnische als auch die russische Regierung tun alles, um die Suche nach der Unglücksursache nicht zu dem Politikum werden zu lassen, zu dem sie angesichts der in den vergangenen Jahren gespannten polnisch-russischen Beziehungen leicht werden könnte.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Vieles deutet darauf hin, dass der dichte Nebel, der zur Zeit der Katastrophe um 10.50 Uhr russischer Zeit am Samstag in Smolensk herrschte, die Unfallursache war. Es gebe nach einer ersten Auswertung der Flugschreiber keine Hinweise auf technische Schwierigkeiten des Flugzeugs, sagte der russische Generalstaatsanwalt Aleksandr Bastyrkin am Sonntag. Die Tu-154 des polnischen Präsidenten war erst im Dezember 2009 generalüberholt worden. Zudem zeigten die Aufnahmen der Gespräche, dass die Piloten von den Fluglotsen in Smolenks tatsächlich mehrmals auf die schlechten Wetterbedingungen hingewiesen und aufgefordert worden seien, auf Flughäfen in Moskau oder Minsk auszuweichen, sagte Bastyrkin. Eine halbe Stunde vor dem Unglück hatte der Kapitän einer russischen Iljuschin, die russische Personenschützer nach Smolensk bringen sollte, die Landung bei Sichtweiten zwischen 400 und 500 Metern abgelehnt und war nach Moskau zurückgekehrt. Der Pilot, habe – so berichten polnische Medien – den Flughafen gut gekannt, der bis Ende vergangenen Jahres ein reiner Militärflughafen war und über kein Instrumentenlandesystem verfügt, das eine Landung auch bei extrem schlechter Sicht erlaubt. Nach in polnischen Medien zitierten Augenzeugenberichten kreiste das Flugzeug des Präsidenten mehrmals über dem Smolensker Flughafen, bevor es mit 20 Minuten Verspätung den Landeanflug wagte. Dabei ist es offenbar auf einen zu niedrigen Kurs geraten und hat einige hundert Meter vor der Landebahn zunächst einen Funkmast und dann einen Baum berührt und dabei das Gleichgewicht verloren. Die Piloten sollen nach dem ersten Zusammenstoß noch erfolglos versucht haben durchzustarten.

          Befahl Kaczynski selbst die Landung im Nebel?

          Es bleibt die Frage, weshalb die Piloten sich trotz der Warnungen der Fluglotsen für die Landung entschieden haben. Eine mögliche Antwort darauf gibt ein Vorfall aus dem August 2008: Während des russisch-georgischen Kriegs reiste Kaczynski gemeinsam mit den Präsidenten Estlands, Lettlands und Litauens nach Georgien, um Solidarität mit dem von Russland angegriffenen Land zu zeigen. Das polnische Präsidentenflugzeug mit den vier Staatsoberhäuptern an Bord sollte in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku landen, da der Flughafen in Tiflis zu dieser Zeit geschlossen war – russische Flugzeuge hatten in dessen Nähe Bomben abgeworfen. Unterwegs ließ Kaczynski laut der polnischen „Gazeta Wyborcza“ den Piloten von seinen Beratern bitten, dennoch in Tiflis zu landen. Als der Pilot sich widersetzte, soll Kaczynski selbst in das Cockpit gekommen sein und die Landung in Tiflis gefordert haben, was der Pilot aber nach Rücksprache mit seinen Vorgesetzten weiter verweigerte. Den mitreisenden Journalisten hat Kaczynski laut dieser Darstellung anschließend gesagt: „Wer sich entscheidet, Offizier zu werden, darf nicht ängstlich sein.“ Dem Piloten hat seine Haltung nicht geschadet: Er wurde von Verteidigungsminister Klich später für sein „Verantwortungsgefühl“ ausgezeichnet.

          Wäre das Präsidentenflugzeug am Samstag in Moskau oder Minsk gelandet, hätte für Kaczynski möglicherweise keine Chance mehr bestanden, noch nach Katyn zu gelangen, wo an der Gedenkfeier mehr als 800 Menschen teilnehmen sollten, die schon zuvor angereist waren.

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