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Nach dem Flugzeugabschuss : Auch die Trauer ist politisch

„Nicht alle Russen sind Mörder und Terroristen“, steht auf einer Karte vor der niederländischen Botschaft in Moskau. Bild: Friedrich Schmidt

In Moskau trauern Bürger vor der niederländischen Botschaft um die Opfer des abgeschossenen Fluges MH17. Sie legen Blumen und Karten nieder. „Vergebt uns“, schreiben sie darauf.

          Die Kalaschnij-Gasse im Zentrum Moskaus ist an diesem Freitagabend Ort einer stillen Demonstration. Einer Demonstration der Trauer. Denn in der Nummer 6, einem alten Palais, hat die Botschaft der Niederlande ihren Sitz. 189 der 298 Menschen, die bei dem Abschuss des Fluges MH 17 der Malaysia Airlines von Amsterdam nach Kuala Lumpur am Donnerstag ihr Leben verloren, waren Niederländer.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Hunderte Rosen, Nelken, Sonnenblumen, Azaleen liegen vor dem Gebäude auf dem Gehweg. Viele Sträuße werden von schwarzem Flor zusammengehalten. Fast minütlich legt jemand Blumen nieder. Auch Kuscheltiere sind hier und Kerzen. Und dass, obwohl Präsident Wladimir Putin gesagt hat, die Ukraine trage die Verantwortung für die Katastrophe, obwohl die russische Führung die Vereinigten Staaten und die EU bezichtigt, einen „faschistischen Putsch“ in Kiew angezettelt zu haben? Die Trauer um die Toten kennt keine politischen Lager, könnte man denken. Aber liest man die Zettel, die neben den Blumen liegen, und spricht mit den Leuten, die hergekommen sind, erkennt man: doch.

          „Ich trauere. Europa, öffne deine Augen auf Putin!“,  steht da auf Englisch. „Es tut uns so leid. Wir bitten euch, uns zu vergeben. Wir schämen uns sehr für unser Land und unseren Präsidenten“, auf Englisch. „Wir trauern mit euch“, auf Russisch. „Nicht alle Russen sind Mörder und Terroristen“, auf Niederländisch. „Vergebt uns für die Schufte, die das Flugzeug abgeschossen haben“, auf Englisch. „Vergebt uns, wir sind alle Geiseln hier“, auf Niederländisch. „Wir wollten das nicht, wir wollen keinen Krieg“, auf Russisch. „Wir konnten die Unterstützung der Terroristen nicht verhindern. Wie viele werden sie noch töten?“, auf Russisch. Von einem eigens gemalten Ölgemälde, einer abstrakt gehaltenen Muttergottes, heißt es auf Russisch: „Vergebt uns für das Verbrechen der Luhansker Bande.“ Auf einem Zettel steht: „Wir beten für die Toten. Bitte hasst uns nicht.“ Und immer wieder, auf Englisch, Russisch, Niederländisch, die Bitte in zwei Worten: „Vergebt uns“.

          Blumen und Plüschtiere vor der niederländischen Botschaft in Moskau.

          Schockiert und benommen

          Es herrscht eine traurige, eine feierliche Stille vor dem Botschaftsgebäude. Man unterhält sich, wenn überhaupt, nur leise. Die Menschen, die hierher gekommen sind, wirken schockiert, wie benommen, verweilen lange, schreiten an den Blumen auf und ab als wüssten sie nicht, wohin. „Ich habe keine Worte für das, was dank unserer großartigen Regierung passiert ist“, sagt eine junge Mutter bitter. Ihre kleinen Kinder, ein Mädchen und ein Junge, legen Blumen nieder, das Mädchen sagt zu seinem jüngeren Bruder: „Es sind so viele Kinder gestorben.“ Ihre Mutter fügt hinzu, es sei immerhin gut, dass so viele Leute herkämen, vor die Botschaft. Als Zeichen.

          Eine andere junge Frau sagt: „Ich schäme mich für mein Land und für meine Regierung.“ Vielleicht werde man nie erfahren, wer das Flugzeug abgeschossen habe. „Aber ich schäme mich dafür, dass es soweit gekommen ist.“

          Ein junger Mann hält lange inne, ehe er seine gelbe Rose zu den anderen Blumen legt. „Ich will zeigen, dass hier nicht alle so hysterisch denken“, sagt er. Auch wenn nicht klar sei, was passiert ist: „An dieser Entwicklung sind mein Staat und seine Regierung, die ich nicht billige, Schuld.“

          „Das mindeste, was wir tun können“

          Ein anderer junger Russe legt einen Strauß kleiner gelber Blumen nieder. Dann sagt er mit Blick auf das  Moskauer Metro-Unglück vom Dienstag, bei dem mindestens 22 Menschen ums Leben gekommen sind: „In  Kiew haben sie Blumen vor unsere Botschaft gelegt. Das hier  ist das mindeste, was wir tun können für die Menschen, die nicht einmal wussten, wo Donezk und Luhansk liegen.“ Der Krieg, sagt er, bringe leider stets die „schwärzesten, schmutzigsten Menschen nach oben“.

          Ein junger Mann im Anzug, der sagt, er arbeite in der Finanzbranche, meint: „Ich denke, dass ist ein großer Verlust, zu dem es nicht gekommen wäre, wenn mein Land eine weniger aggressive Politik verfolgt hätte.“ Wer das Flugzeug abgeschossen habe, wisse man zwar noch nicht. „Aber daran sind wir alle Schuld. Ich glaube, es war nicht richtig, sich einen Teil eines anderen Staates zu holen, als der schwach war“, sagt er über die Krim. „Wir zahlen alle dafür.“

          Zwei Polizisten patrouillieren vor der Botschaft.  Nach russischer Gesetzgebung könnte das hier wohl schon eine illegale Versammlung sein. Aber sie lassen die Menschen trauern. Sie wirken in der Kalaschnij-Gasse wie Fremdkörper.

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