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Flüchtlingslager Moria : Die Chronik einer Katastrophe

„Wir sind alle Migranten“: Papst Franziskus während seines Besuchs im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos im Jahr 2016. Doch das Elend nahm zu. Bild: AP

Einst galt Moria als Durchgangslager für Migranten. Dann wuchs es zur zweitgrößten Stadt auf Lesbos an und wurde zur Endstation – mit Protesten, Bränden, Toten. Ein Überblick in Wort und Bild.

          11 Min.

          Im Juli 2014 kommt Cecilia Malmström, EU-Kommissarin für Inneres, in Begleitung von zwei griechischen Ministern zu einer Dienstreise nach Lesbos. Sie besichtigt ein neu entstandenes Aufnahmelager auf einem ehemaligen Militärgelände in der Nähe des Dorfes Moria und lobt die Bedingungen, die sie dort vorfindet. Noch kennt Europa den Namen Moria nicht. Das, was später „Flüchtlingskrise“ genannt werden wird, hat das Bewusstsein des Kontinents noch nicht erreicht. Bei den Menschen auf Lesbos, nach Kreta und Euböa Griechenlands drittgrößter Insel, ist das anders. Seit den neunziger Jahren schon kommen Fremde von der türkischen Küste aus auf Booten auf die Insel – nicht als Touristen, sondern um weiterzureisen nach Nordwesteuropa, wo sie einen Asylantrag stellen wollen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Es sind Menschen aus der Türkei, dem Nahen Osten, Südasien, Afrika. Vor dreißig Jahren war die Ankunft solcher Boote auch auf Lesbos noch ein Ereignis. Man sprach darüber in den Tavernen oder in der Nachbarschaft. Doch 2014 ist aus der Ausnahme fast schon eine Regel geworden. Immerhin sind Boote aber immer so selten, dass griechische Medien von einzelnen Ankünften Notiz nehmen. Ende 2014 wird berichtet, dass 18 junge Afghanen, die im September auf Lesbos gelandet waren, nach Athen überführt werden sollen. Das wäre heute längst keine Meldung mehr.

          Das Jahr 2015 – Noch reichen vier Polizisten aus

          Die Zahl der Ankünfte auf Lesbos wächst rasch. Obwohl die meisten irregulären Migranten sofort die nächste Fähre nach Athen nehmen, gerät die Infrastruktur von Moria unter Druck. Im Juli 2015 beschwert sich Spyros Galinos, der Bürgermeister des lesbischen Hauptortes Mytilini, dass seine Insel von Athen allein gelassen werde: Er höre viele schöne Worte von der Regierung, bekomme aber kaum Hilfe. Moria kann 700 Personen aufnehmen, doch da das nicht mehr reicht, ist in den Olivenhainen der Umgebung zusätzlich ein wildes Lager entstanden. Mitte 2015 sind in Moria vier Polizisten und ein Beamter der europäischen Grenzschutzagentur Frontex eingesetzt.

          Flüchtlinge nahe der Stadt Mytilene am Donnerstagmorgen. Sie haben die Nacht im Freien verbracht. Bilderstrecke
          Brandkatastrophe in Moria : Wie geht es weiter für die Migranten auf Lesbos?

          Zwei Monate später wird der Hilferuf von Bürgermeister Galinos erhört. Fast 30.000 „Irreguläre“ sollen von Lesbos, Samos, Chios, Kos und Leros in einer Kooperation zwischen dem griechischen Staat und dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR nach Athen gebracht werden. So sollen die fünf am stärksten betroffenen Inseln entlastet werden. Natürlich sei man sich bewusst, dass weiterhin tausende Menschen pro Tag neu auf die Inseln kämen, doch es gebe einen Plan, wie damit umzugehen sei, wird aus dem Innenministerium in Athen versichert.

          Als der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) im Oktober 2015 Moria besucht, sind seit Jahresbeginn schon mehr als 400.000 Menschen auf den fünf Inseln angekommen. Die Idee der Stunde lautet nun: „Hotspot“. Auf den Inseln, die zu Brennpunkten geworden sind, sollen Zentren eingerichtet werden, in denen die Menschen besonders schnell registriert und ihre Asylanträge rasch bearbeitet werden. Faymann äußert sich nach seinem Besuch auf Lesbos freilich skeptisch, ob die „Hotspots“ wie angekündigt noch vor Jahresende betriebsbereit sein werden. Dafür seien schließlich zentrale Koordination, mehr Ressourcen und zusätzliches Personal nötig.

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