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Nach Bombenanschlag : Kolumbien macht Druck auf Kuba

Kolumbianer demonstrieren am Sonntag in Bogota gegen Terrorismus. Bild: AFP

Die kolumbianische Regierung fordert von Kuba die Auslieferung mehrerer Anführer der ELN-Guerilla. Politiker warnen vor einem neuen Krieg. Die ELN bekennt sich als Urheber des Attentats.

          Nach dem Bombenanschlag vergangenen Donnerstag, der 21 Tote forderte, stehen die Beziehungen zwischen Kolumbien und Kuba auf dem Prüfstand. Kuba will der Forderung des kolumbianischen Präsidenten Ivan Duque nicht nachkommen, zehn Führungsmitglieder der „Nationalen Befreiungsarmee“ (ELN) an Kolumbien auszuliefern. Der kubanische Außenminister sagte, sein Land halte sich an das Protokoll der Friedensgespräche, die unter Duques Vorgänger Juan Manuel Santos vor rund zwei Jahren angestoßen wurden. Die Protokolle garantieren den Guerillaführern Schutz, um sich zwischen Kolumbien und dem Verhandlungsort Kuba zu bewegen. Duque entgegnete, sein Auslieferungsantrag stehe nicht im Kontext der Friedensgespräche, sondern sei als Antwort auf einen kriminellen Akt gegen die Menschenrechte zu sehen.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Kolumbien macht die ELN für den Anschlag in der Hauptstadt Bogotá verantwortlich. Wie AFP am Montag meldete, hat sich die ELN auf ihrer Internetseite als Urheber des Attentats bezeichnet. 21 Personen kamen bei der Explosion einer 80 Kilogramm schweren Autobombe auf dem Gelände einer Polizeischule ums Leben, 68 wurden verletzt. Zu den Toten zählt auch der Fahrer des Wagens, den die Ermittler als José Aldemar Rojas identifizierten, bekannt als Sprengstoffexperte der ELN. Ein weiterer Verdächtiger wurde festgenommen. Es war der schlimmste Bombenanschlag in Kolumbien seit über 15 Jahren. Am Sonntag fanden in Bogotá und verschiedenen anderen Städten Protestmärsche gegen Terrorismus statt. In Bogotá wurde eine Messe zu zu Ehren der Opfer abgehalten, an der auch Präsident Duque teilnahm. 

          Hunderte Anschläge

          Zuvor hatte Duque die Friedensgespräche zwischen Kolumbien und der ELN für beendet erklärt. Schon vor dem Anschlag lagen sie auf Eis, weil die Guerilla sich weigerte, der Forderung der kolumbianischen Regierung nach einer Freilassung aller Geiseln und einer Einstellung der Anschlage auf industrielle, militärische und zivile Einrichtungen nachzukommen. Seit Beginn der Friedensgespräche vor zwei Jahren verübte die ELN rund 400 Anschläge sowie neun Geiselnahmen. Weiterhin befinden sich 17 Personen in der Gewalt der Guerilla, die von den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft wird.

          Nach der Auflösung der „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) im Zuge des Friedensschlusses im Jahr 2016 ist die ELN heute die größte verbliebene Guerillaorganisation in Kolumbien. Ihre Stärke wird auf 1500 bis 2000 Kämpfer geschätzt. Es wird zudem davon ausgegangen, dass sich mehrere hundert ehemalige Farc-Kämpfer der ELN angeschlossen haben. Während sich die Farc in der jüngeren Vergangenheit vor allem aus dem Drogenhandel finanziert hatte, setzt die ELN weiterhin auf Geiselnahmen und Erpressungen. Zudem hat der Schmuggel von Drogen und Treibstoff an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze an Bedeutung gewonnen. Es existieren zahlreiche Hinweise auf die Präsenz der ELN auf venezolanischen Territorium, das sich zusehends zu einer Art Rückzugsraum der Guerilla entwickelt. Das Regime in Venezuela streitet das jedoch ab.

          Kuba wenig kooperativ

          Auch Kuba ist ganz offensichtlich bereit, den ELN-Führern weiterhin Schutz zu bieten. Bereits im vergangenen November forderte Kolumbien die Auslieferung des Guerillaführers Nicolás Rodríguez Bautista, besser bekannt als „Gabino“, der sich seit einigen Monaten in Kuba medizinisch behandeln lässt. Er ist der oberste Kommandant der ELN. Gegen „Gabino“ liegt ein internationaler Haftbefehl vor. In Kolumbien werden ihm zahlreiche Delikte vorgeworfen. Zudem bat Kolumbien Kuba um Informationen über weitere ELN-Mitglieder, die sich auf der Karibikinsel aufhalten. Die Bitten der Regierung in Bogotá stießen in Havanna jedoch auf taube Ohren.

          Nach den Ereignissen der letzten Woche und dem Abbruch der Friedensgespräche ist nicht ausgeschlossen, dass Kolumbien wieder den aktiven bewaffneten Kampf gegen die ELN aufnimmt. Verschiedene Politiker, darunter auch frühere Minister, warnten vor einem solchen Schritt und forderten Duque auf, die Gespräche mit der ELN wieder aufzunehmen. Auch die aus der Farc hervorgegangene Partei, die am Sonntag nicht am Protestmarsch teilnahm, warnte vor einer Rückkehr zum „totalen Krieg“. Sollte Duque die Armee gegen die ELN mobilisieren, dürfte dies nicht nur einen neuen Zyklus der Gewalt auslösen, sondern auch die bereits sehr angespannte Beziehung zu Venezuela belasten, da sich zahlreiche Einheiten der ELN im Grenzgebiet aufhalten.

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