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Nach Anschlag im Libanon : Präsident lehnt Rücktritt der Regierung ab

  • Aktualisiert am

Mit einem Transparent macht dieser Mann in Beirut auf den bei einem Anschlag getöteten General Wissam al Hassan aufmerksam, einen Sunniten und ranghohes Mitglied des libanesischen Geheimdienstes. Bild: REUTERS

Die libanesische Regierung hat nach dem Bombenanschlag in Beirut ihren Rücktritt angeboten. Auf Wunsch von Präsident Suleiman bleibt sie aber zunächst im Amt. Ministerpräsident Mikati vermutet Syrien hinter dem Anschlag.

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          Nach dem Bombenanschlag auf den syrienkritischen Chef des libanesischen Polizei-Geheimdienstes in Beirut wächst im Libanon die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg. Die Regierung, der auch pro-syrische Mitglieder angehören, bot am Samstag ihren Rücktritt an, bleibt auf Bitten von Präsident Michel Suleiman aber für eine Übergangszeit im Amt. Ministerpräsident Nadschib Mikati sagte, dass er Syrien hinter dem Attentat vermutet. Landesweit demonstrierten Zehntausende Sunniten gegen den Angriff, bei dem neben Brigadegeneral Wissam al Hassan sieben weitere Menschen getötet wurden.

          Nach dem international verurteilten Anschlag verstärkte die Regierung die Sicherheitsvorkehrungen und ließ Soldaten an strategisch wichtigen Plätzen Stellung beziehen. Der sunnitische Mufti verhängte eine dreitägige Trauer für al Hassan. Das Kabinett unter dem Hizbullah-nahen Ministerpräsidenten Mikati beriet über Konsequenzen aus dem Anschlag und bot seinen Rücktritt an. Dieser wurde auf Bitten Suleimans aber nicht sofort wirksam. Die Opposition fordert die Demission der Regierung, weil ihr auch Mitglieder der pro-syrischen schiitischen Hizbullah angehören.

          Mikati sagte, er sehe einen Zusammenhang zwischen dem Anschlag und einer kürzlich von al Hassan aufgedeckten Attentats-Verschwörung, die zur Anklage den ehemaligen Minister Michel Samaha geführt hatte. Samaha gilt als Anhänger des syrischen Staatschefs Baschar al Assad. Zum Zeichen ihres Protestes gegen den Mord an al Hassan setzten demonstrierende Sunniten Autoreifen in Brand. Sie blockierten die Zufahrt zum internationalen Flughafen in Beirut und sperrten Straßen in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli.

          Bei der Explosion einer Autobombe im christlichen Viertel Aschrafijeh waren am Freitag acht Menschen getötet und mehr als 80 verletzt worden Bilderstrecke
          Bei der Explosion einer Autobombe im christlichen Viertel Aschrafijeh waren am Freitag acht Menschen getötet und mehr als 80 verletzt worden :

          Demonstrationen und Straßenblockaden wurden aus dem Bekaa-Tal im Osten und der Stadt Sidon im Süden gemeldet. In einem Dorf im Bekaa-Tal schossen Soldaten auf Demonstranten, die eine Straße blockierten, und verletzten Aussagen von Zeugen zufolge zwei Menschen. Al Hassan war ein enger Gefolgsmann des ermordeten Ministerpräsidenten Rafik al Hariri und leitete auch die Ermittlungen zu dessen Tod. Seine Recherchen legten eine Verwicklung Syriens und der Hizbullah in den Mord nahe. Al-Hariris Sohn, der ehemalige Ministerpräsident Saad al-Hariri, warf Assad vor, für den Anschlag verantwortlich zu sein.

          „Stützpfeiler unserer Sicherheit verloren“

          Libanons Polizeichef Aschraf Rifi schloss weitere Attentate nicht aus. „Wir haben einen Stützpfeiler unserer Sicherheit verloren.“ Dem Land stünden weitere Opfer bevor. „Wir wissen das. Aber wir lassen uns nicht brechen.“ Die Bombe explodierte mitten in der Hauptverkehrszeit in einer Straße, in der die christliche Falangisten-Partei ihre Zentrale hat. Sie zählt zu den Gegnern des syrischen Machthabers Assad, der sich seit eineinhalb Jahren einen blutigen Machtkampf mit der Opposition liefert. Mehrere Fahrzeuge gerieten durch die Explosion in Brand. Ein mehrstöckiges Gebäude wurde schwer beschädigt. Der multireligiöse Libanon ist tief zerstritten zwischen Anhängern und Gegnern Assads. Viele Schiiten unterstützen den ihrer Konfession nahestehenden Alawiten Assad, die meisten Sunniten stehen auf der Seite seiner Gegner. Schon vor dem Anschlag, bei dem am Freitag auch 80 Menschen verletzt wurden, hatten sich in Tripoli Sunniten und Alawiten Kämpfe geliefert.

          Tausende Syrer waren vor der Gewalt in der Heimat in das Nachbarland Libabon geflohen. Syrien hatte jahrzehntelang die Rolle einer Vormacht im Libanon gespielt. Auch lange nach dem Ende des 15 Jahre andauernden Bürgerkriegs 1990 standen syrische Soldaten im Zedernstaat. Ihr Abzug konnte erst nach dem Mord an Hariri im Jahr 2005 durchgesetzt werden. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte den Bombenanschlag. Einstimmig wurde die Tat als Terroranschlag eingestuft. Amerikas Außenministerin Hillary Clinton warnte vor einer Destabilisierung des Libanon. Ähnlich äußerten sich auch die EU, Frankreich und der Vatikan. Auch der Iran - ein weiterer Verbündeter Assads - verurteilte den Anschlag und kündigte für Samstag eine Reise seines Außenministers Ali Akhbar Salehi nach Beirut an.

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