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Nach Angriffen in Bialystok : Hunderte Menschen in Polen zeigen Solidarität mit LGBT-Aktivisten

Teilnehmerinnen der Demo in Warschau. Bild: Reuters

Steine flogen, Hooligans prügelten: Nachdem in der polnischen Stadt Bialystok eine Parade von Schwulen und Lesben in Gewalt untergegangen war, gingen nun in mehreren Städten des Landes Menschen aus Solidität mit der LGBT-Gemeinde auf die Straße.

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          In Warschau haben am Samstag mehrere hundert Menschen ihre Solidarität mit in Polen angegriffenen LGBT-Aktivisten demonstriert. Ähnliche Kundgebungen gab es in mehreren weiteren Städten. Manche der Redner, darunter Vertreter der linken Partei „Frühling“ und der liberalen Bürgerplattform, warnten, wenn der Hass auf LGBT weitergehe, könne es bald auch Todesopfer geben. Die Demonstranten trugen Plakate mit Aussagen wie „Keine Freiheit ohne Solidarität“ – ein Spruch der polnischen Bürgerrechtsbewegung der 80er Jahre – und „Solidarisch mit Bialystok“. In der Großstadt Bialystok im Osten Polens hatte vor einer Woche der erste Umzug zugunsten der Rechte von Homosexuellen in der Geschichte der Stadt stattgefunden.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Die Demonstranten in Bialystok wurden massiv von Gegendemonstranten, die zum Teil aus dem Fußballfan-Milieu und rechtsgerichteten Gruppen kamen, beschimpft, mit Steinen beworfen und körperlich attackiert. Zuvor hatte der katholische Erzbischof der Stadt, Tadeusz Wojda, den Umzug in einem Hirtenbrief als „fremd“ für die Region kritisiert und den LGBT-Aktivisten vorgeworfen, christliche Werte zu „verhöhnen“ und zu diskriminieren. Nach dem Umzug verurteilten Kirchenvertreter die Gewalt gegen LGBT-Aktivisten.  Am Donnerstag wurde dann in Breslau der Journalist Przemyslaw Witkowski von einem Mann zusammengeschlagen, weil er auf der Straße sein Missfallen über LGBT-feindliche Graffiti ausgedrückt hatte. Witkowski erlitt mehrere Knochenbrüche; nach dem Täter wird gefahndet.

          Der Streit um die LGBT-Bewegung hat sich in Polen in diesem Jahr erheblich zugespitzt. In dieser Woche hatte die nationalistische Wochenzeitung „Gazeta Polska“ einen Aufkleber beigelegt, der die Regenbogenfarben durchgestrichen zeigte, dazu die Worte „LGBT-freie Zone“. Am Donnerstag erließ ein Warschauer Gericht nach der Klage eines Schwulenaktivisten eine einstweilige Verfügung; die Aufkleber verletzten seine „Würde und sein Gefühl von Sicherheit und gesellschaftlicher Akzeptanz“. Daher müssten die Aufkleber sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Der Verleger hat dagegen angekündigt, auch der nächsten Ausgabe die Aufkleber beizulegen. Inzwischen haben jedoch Firmen wie Shell und BP und die polnische Buchhandelskette Empik angekündigt, Zeitungen mit diesem Aufkleber aus ihrem Vertrieb zu nehmen.

          Warschau in Regenbogenfarben: Die Menschen zeigen sich solidarisch mit der LGBT-Gemeinde.
          Warschau in Regenbogenfarben: Die Menschen zeigen sich solidarisch mit der LGBT-Gemeinde. : Bild: Reuters

          Im Mai hatten Teilnehmer der „Parade der Gleichheit“ während ihres Umzugs eine Fronleichnamsprozession parodiert. Anstatt einer Hostie war in dieser „Prozession“ das Bild einer Vagina zu sehen. Die liberale Bürgermeisterin der Stadt, Aleksandra Dulkiewicz, die mit ihrem Kind an der Parade teilnahm, sagte später, sie habe diese Parodie erst später in den Medien gesehen. Sie sei über diesen Akt „symbolischer Gewalt“ als Mutter und Christin „tief erschüttert“ gewesen. Als Bürgermeisterin, die die Schirmherrschaft über die Parade übernommen habe, fühle sie sich „betrogen“ und fordere gleichen Respekt für Christen wie für LGBT-Aktivisten.

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