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Nach Angriff auf Gaza-Hilfskonvoi : Fünf deutsche Aktivisten zurück in Berlin

  • Aktualisiert am

Die „Marmara” auf dem Weg in den Hafen von Aschdod: Sie war am Montagmorgen von israelischen Streitkräften gestürmt worden Bild: ASSOCIATED PRESS

Unter den zurückgekehrten Deutschen befinden sich auch drei Politiker der Linkspartei. Vor Journalisten erhoben sie schwere Vorwürfe gegen Israel und nannten den Angriff ein „Kriegsverbrechen“. Israel hatte bis Dienstag hunderte Aktivisten inhaftiert, darunter auch den schwedische Bestsellerautor Henning Mankell.

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          Nach dem israelischen Angriff auf einen Hilfskonvoi vor der Küste Gazas sind fünf deutsche Aktivisten wieder wohlbehalten in die Heimat zurückgekehrt. Unter ihnen sind auch drei Politiker der Linkspartei. Die Bundestagsabgeordneten Inge Höger und Annette Groth, sowie der ehemalige Abgeordnete Norman Paech landeten am Dienstag kurz vor zehn Uhr in Berlin-Schönefeld. Vor Journalisten erhoben sie schwere Vorwürfe gegen Israel: „Das ist ein klarer Akt der Piraterie“, sagte Paech vor Journalisten in Berlin und bestritt die israelische Darstellung, dass die Soldaten von Aktivisten angegriffen worden seien. „Von Selbstverteidigung zu sprechen, ist wirklich ein Hohn.“ Er persönlich habe „zweieinhalb Holzstöcke“ gesehen, mit denen sich Aktivisten gegen das Militär zu Wehr gesetzt hätten. Mehr habe es an Bord nicht gegeben. Allerdings könne er nicht ausschließen, dass von den Aktivisten Eisenstangen benutzt worden sein. Gesehen habe er sie jedoch nicht. Ähnlich äußerten sich auch die Abgeordneten Groth und Höger und stellten die von Israel genannte Zahl von neun Toten in Frage. Sie sprachen hingegen von mindestens 18 Todesopfern. „Wir haben uns wie im Krieg gefühlt, gekidnappt gefühlt,“ sagte Höger in Berlin. „Wir konnten nur zurückkommen, weil wir Abgeordnete sind“, fügte sie hinzu . „Alle anderen sind im Gefängnis.“

          Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) zeigte sich inzwischen erleichtert über die Rückkehr der fünf Deutschen, wie ein Sprecher weiter mitteilte. Nach neuesten Angaben des Auswärtigen Amtes waren insgesamt elf deutsche Staatsbürger auf dem Schiffskonvoi der Organisation „Free Gaza“, der in der Nacht zum Montag in ein Gefecht mit dem israelischen Militär verwickelt worden war. Es gebe bislang keine Erkenntnisse über mögliche Verletzte. Die deutsche Botschaft in Tel Aviv bemühe sich weiter intensiv um verlässliche Informationen.

          Israel hatte bis zum Dienstagmorgen 610 der mehr als 700 pro-palästinensischen Aktivisten an Bord im Ela-Gefängnis inhaftiert. Wie ein Sprecher der Gefängnisverwaltung weiter mitteilte, befindet sich die Haftanstalt in Beerscheva in der Negev-Wüste. Das Gefängnis für Kriminelle sei neu gebaut und erst vor zehn Tagen in Betrieb genommen worden. Die Gefangenen teilten sich Zwei- oder Vier-Mann-Zellen. Weil sie zumeist ohne persönliche Gegenstände angekommen seien, habe man sie mit Unterwäsche, Toilettenartikeln sowie mit Flip-Flops versorgt, sagte der Sprecher.

          Die drei zurückgekehrten Linken-Politiker vor Journalisten in Berlin: Abgeordnete Annette Groth (2. v.l.), der ehemalige MdB Norman Paech und Abgeordnete Inge Höger (2. v.r.)
          Die drei zurückgekehrten Linken-Politiker vor Journalisten in Berlin: Abgeordnete Annette Groth (2. v.l.), der ehemalige MdB Norman Paech und Abgeordnete Inge Höger (2. v.r.) : Bild: dpa

          Unter den Inhaftierten ist auch der schwedische Bestseller-Autor Henning Mankell. Wie der Rundfunksender SR am Dienstagmorgen unter Berufung auf das Stockholmer Außenministerium meldete, muss sich Mankell zehn andere schwedische Aktivisten entscheiden, ob er Israel sofort verlassen oder sich dort vor Gericht stellen lassen will.

          Rund 50 Aktivisten sind nach Angaben von Außenamtssprecher Jigal Palmor in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Diese hatten zuvor ihrer freiwilligen Abschiebung zustimmen müssen. Nach israelischen Rundfunkangaben sind noch 45 Personen in ärztlicher Behandlung. Sie befänden sich in verschiedenen Krankenhäusern in Israel. Die meisten von ihnen seien Türken, Passagiere der angegriffenen „Marmara“.

          Israelische Soldaten hatten am Montagmorgen sechs Schiffe gestürmt, die Hilfslieferungen in den isolierten Gazastreifen bringen wollten. Dabei wurden mindestens neun Aktivisten getötet. (Siehe auch: Israel bringt Solidaritätsflotte auf - mehrere Tote) In mehreren europäischen Städten - darunter Paris, Madrid und London - kam es am Montagabend zu anti-israelischen Demonstrationen.

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