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Viele Todesopfer in Myanmar : Die Demonstranten trauern – und protestieren weiter

Trauerkundgebung für die erschossene Demonstrantin Kyal Sin am Donnerstag in Mandalay Bild: Reuters

Der Mittwoch war der blutigste Tag seit Beginn der Proteste in dem südostasiatischen Land. Menschenrechtler vermuten dahinter eine koordinierte Militärstrategie. Sie sprechen von Terror am eigenen Volk.

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          Die Schüsse kamen ohne große Vorwarnung. In vielen Fällen gingen sie direkt in den Kopf. Dutzende Menschen wurde auf diese Weise getötet. Unter ihnen war auch die 19 Jahre alte Ma Kyal Sin. Sie gehört in Myanmar schon jetzt zu den unsterblichen Märtyrern dieses Blutbads. Vielleicht, weil sie so jung war, oder weil sie so schnell identifiziert werden konnte. Es mag auch einfach an der Aufschrift auf ihrem T-Shirt liegen, die mit ihrer optimistischen Botschaft wie ein scheußlicher Witz klingt: „Everything will be O.K.“, stand darauf. Auf den Fotos, die aus ihrer Heimatstadt Mandalay kommen, liegt ihr toter Körper neben dem eines 37 Jahre alten Mannes, der tödlich in die Brust getroffen worden war. Hunderte Menschen nahmen am Donnerstag an einer Trauerfeier für die junge Frau teil. Sie sangen und riefen Parolen.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Trotz des schweren Blutvergießens gingen die Menschen auch am Donnerstag wieder für eine Rückkehr zur Demokratie auf die Straße. Schon in den späten Abendstunden waren sie trotz der nächtlichen Ausgangssperren zu Mahnwachen und Trauerkundgebungen zusammengekommen. Der Mittwoch war der bisher blutigste Tag seit dem Beginn der Protestbewegung und der brutalen Reaktion des Militärs. Nach Angaben der UN-Sonderbotschafterin Christine Schraner Burgener wurden an diesem Tag 38 Personen getötet. Die Zahl der Verletzten wird auf rund 100 geschätzt. Insgesamt kommt die  Menschenrechtsorganisation Fortify Rights nun auf 61 Tote in sieben Regionen und Bundesstaaten. Von 23 Toten in den Wochen zwischen dem Putsch am 1. Februar und dem 1. März hatte zuvor der UN-Sonderberichterstatter Tom Andrews gesprochen.

          Auch Minderjährige unter den Opfern

          Todesopfer wurden am Mittwoch aus den Städten Monywa, Myingyan, Mandalay, Salin und Mawlamyine gemeldet. „Die Polizei und das Militär hat Männer, Frauen und Kinder getötet. Unter den Opfer sind Studenten, ein Tischler, eine Ingenieur, ein Lehrer und andere“, berichtete die Organisation am Donnerstag. Laut „Save the Children“ seien außerdem mindestens vier Todesopfer minderjährig. Um das gesamte Ausmaß der Tragödie zu ermessen, und da Einreisen derzeit aufgrund von Corona-Beschränkungen sowie weiteren Einschränkungen seit dem Putsch nicht möglich sind, ist die Außenwelt auf die Berichte von lokalen Pressevertretern und die Auswertung von Videos und Fotos angewiesen, die über die sozialen Medien geteilt werden.

          Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat einige dieser Bilddokumente von Polizeischüssen auf Demonstranten in Myanmars größter Stadt Yangon am Mittwoch näher untersucht. Darin stellt sie fest, dass die Sicherheitskräfte entlang der Thudhamma Road nahe dem Okkala Thiri Park in Yangon am Mittwoch in drei Fällen das Feuer eröffnet hatten. Auf einem Video seien Hunderte Demonstranten zu sehen, die sich vor andauerndem Gewehrfeuer verschanzten.

          Die Schüsse kamen demnach aus Richtung einer Brücke, an der mindestens fünf Militärfahrzeuge geparkt gewesen seien. Sie stammten vermutlich von automatischen und halbautomatischen Gewehren. Zum Ziel seien auch Demonstranten geworden, die einen Verletzten oder Getöteten aus dem Kampfgebiet geholt hatten. In einem anderen Fall sei ein Mann im Gewahrsam der Sicherheitskräfte gewesen, als diese ihm aus nächster Nähe in den Rücken schossen.

          UN-Beratungen am Freitag

          Die Ähnlichkeiten im Gebrauch exzessiver und tödlicher Gewalt durch die Sicherheitskräfte spreche für eine Koordination zwischen verschiedenen Einheiten und einer dahinterstehenden nationalen Strategie, berichtete Fortify Rights. Alle Militärs und Polizisten in der Befehlskette sollten für die Verbrechen, die sie an den Menschen in Myanmar begingen, zur Verantwortung gezogen werden. Die Organisation rief den UN-Sicherheitsrat dazu auf, ein Waffenembargo gegen das Militär und Sanktionen gegen die Militärführer zu verhängen. Das Gremium wird am Freitag zu einer Beratung über die Ereignisse zusammenkommen.

          Fortify Rights forderte außerdem, dass der Internationale Strafgerichtshof Ermittlungen aufnehmen müsse. „Die Soldaten und Polizei in Myanmar verhalten sich wie Todesschwadronen und begehen schwere Menschenrechtsverletzungen“, sagte Ismail Wolff, Regionaldirektor der Organisation. Der Putschgeneral Min Aung Hlaing und seine „mörderische Junta“ terrorisierten das Volk.

          Die UN-Sonderbotschafterin Schraner Burgener hatte zuvor davor gewarnt, dass die Lage sich zu einem „echten Krieg“ ausweiten könne. Auch sie hatte von „sehr verstörenden“ Videos berichtet. „Es scheint so, dass die Polizei Waffen wie Neun-Millimeter-Maschinenpistolen, also scharfe Munition, einsetzt“, sagte sie bei einer Pressekonferenz.

          Die UN-Sonderbotschafterin steht ihren Angaben nach mit der Junta in Kontakt. In Gesprächen mit dem Vize-Militärchef Soe Win habe sie betont, dass das Militär mit starken Maßnahmen rechnen müsse. „Wir sind an Sanktionen gewöhnt und haben überlebt“, habe die Antwort gelautet. Sie habe außerdem darauf hingewiesen, dass das Militär internationale Isolation riskiere. „Wir müssen lernen, mit nur wenigen Freunden auszukommen“, habe der General darauf geantwortet.

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