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Gegen das Militär : Myanmars Gegenregierung ruft zum „Krieg“ auf

Duwa Lashi La auf einem am Dienstag von Myanmars Opposition von seiner Ansprache verbreiteten Standbild Bild: dpa

Seit Wochen gibt es Gerüchte über einen landesweiten Angriff auf das Militär. Der Präsident der Opposition ruft zum Kampf „in jedem Winkel des Landes“ auf. Das Regime hat derweil einen islamfeindlichen Mönch freigelassen.

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          Myanmars Gegenregierung, die einige der beim Putsch im Februar entmachtete Abgeordnete und einen Großteil der Widerstandsbewegung repräsentiert, hat die Menschen in dem südostasiatischen Land zu einem „Krieg“ gegen das Militär aufgefordert. Der von dem Gremium zum kommissarischen Präsidenten erklärte Abgeordnete Duwa Lashi La rief am Dienstag zur „Revolution gegen die Herrschaft der Terroristen aus dem Militär“ und dem Kampf gegen das Regime und den führenden General Min Aung Hlaing „in jedem Winkel des Landes“ auf. „Wir werden Min Aung Hlaing absetzen und die Diktatur aus Myanmar für immer vertreiben“, sagte er in einer Ansprache auf Facebook laut der lokalen Presse. Er erklärte, ganz Myanmar befinde sich nun in einem Ausnahmezustand. Dieser gelte, bis die Zivilregierung wieder hergestellt sei.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Seit Wochen gibt es in dem südostasiatischen Land Gerüchte über einen sogenannten D-Day als Beginn eines landesweiten Angriffs auf das Militär. Der Aufruf richtet sich an Dutzende Widerstandsgruppen und Milizen, die sich in den vergangenen Wochen und Monaten gebildet haben, sowie an die Armeen ethnischer Rebellen. Außerdem ermutigte der Politiker die Soldaten des Militärs, sich von dem Regime loszusagen und dem Widerstand des Volkes anzuschließen. Die Gegenregierung versucht damit auch, kurz vor Beginn der UN-Vollversammlung in New York kommende Woche den Druck auf das Militär zu erhöhen. Es wird erwartet, dass bei der Versammlung die Frage eine Rolle spielt, wer das Land in dem Gremium vertreten darf. Myanmars bisheriger UN-Botschafter Kyaw Moe Tun hat sich gegen den Putsch gewandt und sich mit der Gegenregierung solidarisch erklärt.

          Bewegung des zivilen Ungehorsams

          Der Aufruf weckt die Sorge, dass in Myanmar nun ein landesweiter Bürgerkrieg ausbrechen könnte. Im Anschluss an die Kriegserklärung wurden laut lokalen Medien schon aus verschiedenen Regionen des Landes Kämpfe und Bombenattacken gemeldet. Solche Angriffe hatte es in jüngster Zeit aber fast täglich gegeben. Es ist daher offen, ob sich die Intensität der Kämpfe durch den Aufruf bereits erhöht hat. Kürzlich hatte der Sondergesandte der südostasiatischen Staatengruppe Asean, der aus Brunei stammende Minister Erywan Yusof, das Militärregime und die verschiedenen Widerstandsgruppen zu einem Waffenstillstand aufgerufen. Die Gegenregierung warf dem Staatenverbund aber Untätigkeit vor. Es hatte Monate gedauert, bis die Organisation sich überhaupt auf einen Sondergesandten geeinigt hatte.

          Der Großteil der Bevölkerung hat sich in einer Bewegung des zivilen Ungehorsams gegen das Militär und seinen Putsch gestellt. Viele öffentliche Einrichtungen, Unternehmen und Projekte funktionieren wegen des anhaltenden Generalstreiks nur sehr eingeschränkt.

          Derweil hat das Militärregime einen Mönch, der für seine Hetzreden gegen Muslime berüchtigt ist und zu den Wegbereitern der Verbrechen an den Rohingya gehört, begnadigt und aus dem Gefängnis entlassen. Ashin Wirathu war wegen Beleidigung der damaligen Staatsrätin und De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi unter dem Vorwurf der „Aufwiegelung“ festgenommen worden. Wirathu hatte sich gestellt, nachdem er sich monatelang vor den Ermittlungsbehörden versteckt hatte. Der Mönch soll über gute Verbindungen zum Militär verfügen, das für Greuel an den Rohingya und die Vertreibung von etwa 750.000 Menschen verantwortlich ist. Das Magazin Time hatte ihn einmal als das „Gesicht des buddhistischen Terrors“ bezeichnet, er sich selbst als „buddhistischer Bin Laden“.

          Ashin Wirathu im Mai 2019 in Yangon
          Ashin Wirathu im Mai 2019 in Yangon : Bild: Reuters

          Bei einer früheren Amnestie, bei der auch einige politische Gefangene freigelassen worden waren, war der Mönch aber nicht wie von vielen erwartet freigekommen. Ein politischer Beobachter sagte der F.A.Z., der Mönch habe seinen Nutzen für das Militär verloren. Die nationalistische und anti-muslimische Strömung, die auf den vor zehn Jahre begonnen Reformprozess gefolgt war, sei mittlerweile abgeebbt. Seine Freilassung weckt dennoch Befürchtungen, das Militär könnte versuchen, mit Hilfe der buddhistisch-nationalistischen Extremisten wieder Stimmung gegen Muslime und andere Minderheiten zu machen.

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