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Blutbad in Myanmar : Sie stapelten die Leichen an der Pagode

Polizisten und Demonstranten am Freitag auf den Straßen von Bago, Myanmar Bild: Reuters

In Bago in Myanmar soll das Militär mehr als achtzig Menschen mit Maschinengewehren und Granaten getötet haben. Die UN sind angesichts des Ausmaßes der Gewalt alarmiert.

          3 Min.

          Um fünf Uhr morgens eröffneten die Soldaten das Feuer auf die Demonstranten. Ohne Unterlass prasselten in Bago, etwa siebzig Kilometer von Myanmars größter Stadt Yangon entfernt, die Schüsse auf die Menschen nieder. Diese hatten sich hinter Barrikaden aus Sandsäcken verschanzt. Einen sicheren Schutz bot das aber nicht, denn diesmal kamen auch schwerere Waffen zum Einsatz, darunter offenbar Maschinengewehre und Granaten. „Sie schießen auf jeden Schatten ... Es kommt mir vor, als begehen sie Genozid an ihrem eigenen Volk“, sagte Ye Htut, ein Protestanführer aus Bago, der Nachrichten-Website „Myanmar Now“.

          Till Fähnders
          (fäh.), Politik

          Die Opfer des Blutbads wurden den Berichten zufolge auf das Gelände einer buddhistischen Tempelpagode gebracht. Ein Anwohner berichtete, wie die Truppen schon am Morgen begonnen hätten, die Körper dort zu stapeln. Dabei seien noch nicht alle tot gewesen. Aus den Leichenbergen sei noch schmerzvolles Stöhnen zu hören gewesen. In der Nacht seien die Körper dann weggefahren worden – und am Morgen danach seien die Spuren beseitigt gewesen.

          Mehr als 700 Tote seit dem Putsch

          Das Ausmaß des Blutvergießens am Freitag ist erst am Wochenende bekanntgeworden. „Myanmar Now“ und die Gefangenenhilfsorganisation AAPP geben die Zahl der Toten mittlerweile mit 82 an. Durch die hohe Opferzahl an einem einzigen Ort an einem einzigen Tag und den Einsatz schwerer Waffen sticht das Blutbad in Bago aus der Vielzahl erschütternder Nachrichten aus Myanmar heraus. Dabei geht das Militär immer härter gegen die Demonstranten vor, die sich weiter gegen das Putschregime stellen, das am 1. Februar die Macht an sich gerissen hatte. Schon mehr als 700 Zivilisten sind seither von Militär und Polizei getötet worden.

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          Es wird jedoch immer schwieriger, an aktuelle Informationen aus dem Land mit 54 Millionen Einwohnern zu kommen. Der Internetzugang und das Mobilfunknetz werden immer stärker eingeschränkt. Auch für die Protestbewegung wird es zur Herausforderung, den Widerstand aufrechtzuerhalten. „Es ist schwierig, miteinander in Kontakt zu treten“, schreibt die Aktivistin Khin Sandar der F.A.Z. in einem Messenger-Dienst aus Myanmar. In Städten wie Yangon sind die Zahlen der Demonstranten schon zurückgegangen. Doch es stellen sich immer noch viele Menschen dem Militär entgegen. Auch in Bago fanden am Wochenende weitere Demonstrationen statt.

          Angesichts der Gewalt sind auch die Vereinten Nationen alarmiert. Das UN-Büro in Myanmar meldete auf Twitter, es gehe den Berichten vom Einsatz schwerer Geschütze und der Verweigerung medizinischer Behandlung für Verletzte in Bago nach. „Wir fordern die Sicherheitskräfte auf, medizinischem Personal zu erlauben, die Verletzten zu behandeln“, hieß es aus dem UN-Büro. Der Sonderbotschafterin für Myanmar, Christine Schraner Burgener, wird derweil die Einreise in das Land verweigert. Sie bereist derzeit die Region, um mit den Nachbarn Gespräche über die Lage in Myanmar zu führen. Zunächst besucht sie Thailand, wo die Regierung enge Kontakte zum Militärregime in dem Nachbarland unterhält.

          „Abscheulicher Akt des Terrors“

          Die Entwicklungen in Myanmar waren auch das Thema einer informellen Informationsveranstaltung der Vereinten Nationen am Freitag. Dabei hatte die Abgeordnete Zin Mar Aung, die in einer Gegenregierung von Putschgegnern als Außenministerin fungiert, das Vorgehen des Militärs als „abscheulichen Akt des Terrors“ verurteilt. Der Myanmar-Fachmann der International Crisis Group, Richard Horsey, hatte vor einem möglichen Staatskollaps in Myanmar gewarnt. Es sei klar, dass die Bevölkerung nicht unter einer Militärherrschaft leben wolle. Gleichzeitig sei das Militär offenbar entschlossen, ihr seinen Willen aufzuzwingen. Bisher habe das Regime aber noch keine Kontrolle über die Bürokratie und lokale Verwaltung erlangt.

          Bilder einer Überwachungskamera zeigen die Festnahme des Protestanführers Ja Mar in Bago am Freitag.
          Bilder einer Überwachungskamera zeigen die Festnahme des Protestanführers Ja Mar in Bago am Freitag. : Bild: Reuters

          Horsey rief die internationale Gemeinschaft auf, den Austausch mit der Protestbewegung und der Gegenregierung zu suchen und nicht das Putschregime anzuerkennen. Zwar hat bisher noch kein Land die Gegenregierung formal anerkannt, aber es gibt rege Kontakte. Zuletzt gab es Berichte, wonach auch China erstmals mit der Gegenregierung Kontakt gehabt habe. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hat am Sonntag derweil in einem Blogbeitrag Russland und China dafür verantwortlich gemacht, dass bisher keine einheitliche Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf den Putsch zustande gekommen sei.

          Widerstand greift mit Jagdgewehren an

          Der Myanmar-Fachmann Horsey warnte bei der UN-Veranstaltung, dass die Gefahr auch durch die Beteiligung von Rebellenarmeen ethnischer Minderheiten wachse. Tatsächlich nehmen die Berichte militärischer Auseinandersetzungen zu. So soll ein Bündnis aus drei ethnischen Rebellenarmeen am Samstag eine Polizeistation in Naungmon im Shan-Staat angegriffen und zehn Polizisten getötet haben. Aus Tamu in der Region Sagaing wurde berichtet, dass Widerständler mit selbstgebauten Jagdgewehren einen Militärkonvoi angegriffen und drei Soldaten getötet haben.

          In Bago blieb die Lage nach dem Blutbad angespannt. Ein Mann berichtete, er habe seinen 32 Jahre alten Bruder am Tag danach tot in einer Leichenhalle gefunden. Er soll eine Schusswunde in der Hüfte und Blutergüsse im Gesicht und am Hinterkopf gehabt haben. Die Soldaten sollen zudem am Wochenende die Umgebung durchkämmt haben, um flüchtige Demonstrationsteilnehmer aufzuspüren. Ein Anwohner berichtete von der Plünderung seines Hauses.

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