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Muslime in Frankreichs Armee : Mit dem Militärseelsorger auf Mekka-Wallfahrt

Der Attentäter von Toulouse war selbst vom Milität abgelehnt worden: Mohamed Merah in einer Fernsehaufnahme Bild: dapd

Die Untaten des islamistischen Serienmörders Mohamed Merah in Toulouse haben die Aufmerksamkeit auf die zunehmende ethnisch-religiöse Durchmischung der französischen Streitkräfte gelenkt.

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          Sie tauchen in keiner offiziellen Statistik auf, die Soldaten der „sichtbaren Minderheit“, die für Frankreich an den Krisen- und Kriegsschauplätzen in aller Welt ihr Leben riskieren. Erst die Untaten des islamistischen Serienmörders Mohamed Merah, der kaltblütig drei Soldaten nordafrikanischer Abstammung ermordete, haben die Aufmerksamkeit auf die zunehmende ethnisch-religiöse Durchmischung der französischen Streitkräfte gelenkt.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Schon immer ist die Armee als „Schmelztiegel“ der Nation angesehen worden. Dank der Wehrpflicht wurden die Streitkräfte ihrer Mission als Integrationsbeschleuniger gerecht, der Klassen- und Bildungsunterschiede verwischen half. Seit dem 1996 von Jacques Chirac entschiedenen Übergang zu einer Berufsarmee hat sich innerhalb der „Großen Schweigsamen“ („La Grande Muette“), wie die Franzosen ihre Armee nennen, ein neuer Integrationsschub vollzogen.

          Versprechen auf Chancengleichheit

          Die Aussetzung der einjährigen Wehrpflicht seit 2003 hat zudem die Rekrutierungsmethoden der Armee revolutioniert. Die Anwerber in Uniform schwärmen aufgrund des Konkurrenzdrucks durch andere private Arbeitgeber auch in sozial benachteiligte Viertel aus, in denen der Anteil junger Franzosen mit Einwanderungshintergrund besonders hoch ist. Die Armee versteht es zusehends, dort Männer und Frauen mit dem republikanischen Versprechen auf Chancengleichheit zum Dienst an der Waffe zu locken.

          Warten auf den Abflug aus Afghanistan: Französische Soldaten auf dem Flughafen in Kabul Ende März

          Der französische Islamforscher Olivier Roy schätzt die Zahl junger, muslimischer Franzosen und Französinnen in Heer, Luftwaffe, Marine und Gendarmerie auf zehn bis 20 Prozent. Dass es bei Schätzungen bleibt, liegt an dem auf die Missbräuche während der Nazi-Herrschaft zurückgehenden Verbot, ethnische oder religiöse Statistiken in Frankreich zu führen. Dieses Verbot erschwert eine seriöse Forschungsarbeit, da Recherchen auf äußeren Merkmalen und dem Klang der Familiennamen beruhen.

          Identitätskonflikte überwunden

          Der Islamforscher Elyamine Settoul bedauert zudem, dass die Armeeführung darauf verzichtet, ihre Rolle als wichtiger Arbeitgeber und Integrationsförderer für Franzosen der zweiten und dritten Einwanderungsgeneration zu kommunizieren. Die Armee hätte allen Grund, stolz auf ihren Beitrag zur Integration zu sein, sagte Settoul, der am namhaften Institut für Politische Wissenschaften („Sciences Po“) in Paris lehrt. Drei Jahre lang hat er den Werdegang von 30 jungen französischen Soldaten studiert, die aus Nordafrika stammen. Zunächst habe bei allen das Motiv im Vordergrund gestanden, „einen Job“ zu finden. Im Laufe der Zeit beobachtete Settoul jedoch, wie das Bedürfnis nach einer festen Beschäftigung in den Hintergrund rückte und das Soldatendasein zunehmend die Suche nach einer positiven Identität befriedigte.

          Die Armee selbst beschreibt Settoul als „strukturierenden sozialen Rahmen“, der den jungen Franzosen mit Migrationshintergrund half, ihre identitären Konflikte zu überwinden. Settoul betont, dass Loyalitätskonflikte ein „völlig überbewertetes Phänomen“ seien. Nur fünf solcher Fälle seien ihm seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes bekannt. Viel bemerkenswerter sei, dass annähernd ein Drittel der in Afghanistan gefallenen französischen Soldaten den sichtbaren Minderheiten angehörten.

          Dreißig muslimische Militärseelsorger

          Seit 2005 ist die Armee bemüht, den Bedürfnissen der Muslime stärker entgegenzukommen. Unter Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie wurde der Islam mit den anderen anerkannten Religionen - Katholizismus, Protestantismus und Judentum - gleichgesetzt. Seitdem hat der erste muslimische Seelsorger, Abdelkader Arbi, seinen Dienst bei den französischen Streitkräften aufgenommen. Der aus Algerien stammende Chefseelsorger hat die Aufsicht über weitere muslimische Seelsorger, darunter auch eine Frau. Insgesamt stehen den Streitkräften 141 katholische Seelsorger, 32 protestantische, 17 jüdische sowie 30 muslimische zur Seite.

          Seit 2008 organisiert Arbi jedes Jahr Pilgerfahrten für muslimische Soldaten nach Mekka. Mit dem Angebot an die muslimischen Soldaten soll vermieden werden, dass sie unlauteren islamischen Reiseorganisationen zum Opfer fallen, und dass die Reisen unter schlechten sanitären Bedingungen stattfinden.

          Mord am Ebenbild

          In den Militärkantinen werden seit einigen Jahren Kasher-Kost und Halal-Menüs angeboten. „Das war ein ganz wichtiger Aspekt, der das Zusammenleben innerhalb der Truppe sehr vereinfacht hat“, sagt Settoul. Die disziplinierende Wirkung der klaren militärischen Hierarchiezuweisungen trägt nach seinem Eindruck dazu bei, dass Angehörige der zweiten oder dritten Einwanderungsgeneration innerhalb der Armee weniger Diskriminierung erleben als in der Privatwirtschaft.

          „Die Armee hat den Islam institutionalisiert, was die Republik noch immer nicht vermocht hat“, bemerkte Islamforscher Olivier Roy. Er sieht eine klare Wechselbeziehung zwischen dem Respekt für den Islam und der Loyalität der Soldaten. Deshalb sei es auch kein Zufall gewesen, dass sich der mörderische Hass Mohammed Merahs zuallererst gegen seinesgleichen gerichtet habe.

          Merah hatte sich zwei Mal vergeblich bei der Armee beworben und nach zwei Aufenthalten in Afghanistan seinen Hass auf jene wie er in Vorstädten aufgewachsenen Soldaten der zweiten Einwanderungsgeneration gerichtet, die am Hindukusch französische Werte verteidigten. „Merah hat sein Ebenbild ermordet“, schrieb Roy.

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